Lateinamerika

Der Schindler von El Salvador

José Castellanos Contreras (1893–1977) Foto: Courtesy of Yad Vashem

Er machte nicht viel Aufhebens um sein Verhalten. »Wann immer ich ihn fragte, meinte er, er habe nichts getan, was nicht jeder andere an seiner Stelle auch getan hätte«, sagt Frieda Garcia, die Tochter des ehemaligen salvadorianischen Diplomaten José Castellanos Contreras.

Nur wenige kennen die Geschichte des Lateinamerikaners, der mit gefälschten Pässen und Visa rund 25.000 Juden vor der Vernichtung rettete. Dem »Schindler von El Salvador«, der 2010 von der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Va­shem als »Gerechter unter den Völkern« geehrt wurde, haben seine beiden Enkel Alvaro und Boris Castellanos kürzlich in einem Dokumentarfilm ein Denkmal gesetzt.

Diplomat Der 1893 geborene José Castellanos Contreras war Mitte der 30er-Jahre stellvertretender Generalstabschef der salvadorianischen Armee. Und er war einflussreicher Gegner der autokratischen Regierung. Aus diesem Grund schob man ihn auf einen diplomatischen Posten nach Europa ab, zuerst ins Konsulat nach Liverpool, später nach Hamburg.

Dort wurde er Augenzeuge der Novemberpogrome 1938. Contreras war entsetzt und empört, vor allem über die Haltung seiner Regierung im fernen Mittelamerika. Sie lehnte kategorisch ab, Visa für ausreisewillige Juden aus Deutschland auszustellen. Immer wieder versuchte er in Brandbriefen, seine Vorgesetzten umzustimmen – vergeblich. Nicht nur, dass der Diplomat in der Hauptstadt San Salvador auf taube Ohren stieß – per Dienstanweisung wurde ihm jede diplomatische Unterstützung der jüdischen Verfolgten verboten, und man versetzte ihn nach Genf.

Dort entwickelte der 39-jährige Generalkonsul ungeahnte Aktivitäten, um verfolgte Juden aus Deutschland und Österreich sowie aus den von Deutschland besetzten Gebieten zu retten.

Pässe Der Erste, den er rettete, war sein Freund, der ungarisch-jüdische Geschäftsmann György Mandl, dem er Ausweisdokumente auf den Namen »George Mandel-Mantello« ausstellte und zum Ersten Sekretär des Konsulats ernannte. Damit bewahrte er ihn und seine Familie vor der Deportation.

Viele lateinamerikanische Botschaften ließen sich die Ausstellung von Visa und die nötigen Reisepapieren teuer bezahlen, wenn sie denn Juden überhaupt aufnehmen wollten. Und einzelne Botschaftsangehörige kassierten auch für gefälschte Visa von den Hilfesuchenden horrende Summen.

Das diplomatische Duo Contreras und Mandel-Mantello versuchte dagegen, so vielen verzweifelten Juden wie möglich zu einer neuen Staatsbürgerschaft und damit nicht nur sicheren, diplomatischen Schutz, sondern Ausreisemöglichkeiten aus Europa zu verhelfen.

Als sie merkten, dass ihnen die Zeit bei der formgerechten Ausstellung davonlief, gingen sie dazu über, Staatsbürgerschaftsnachweise zu verteilen. Mehr als 13.000 Menschen wurden so über Nacht Bürger El Salvadors. Helfer der beiden schmuggelten die Urkunden nach Frankreich und Ungarn, um sie dort unter den verfolgten Juden zu verteilen. Erst 1944 erlaubte die Regierung von El Salvador dem couragierten Diplomaten José Castellanos Contreras die Ausstellung von sogenannten Salvoconductos, beglaubigten Schutzbriefen für Staatsbürger.

Held Nach dem Krieg arbeitete Castellanos weiter als Diplomat für sein Heimatland – doch über seine Heldentaten redete er nicht. Mit einer Ausnahme. 1976 berichtete er in einem kurzen Radiointerview von seinen Aktionen in den 30er- und 40er-Jahren. José Castellanos Contreras starb 1977 in San Salvador.

Öffentliche Anerkennung zu Lebzeiten hat er nie erlebt. Doch 1999 ehrte ihn der Stadtrat von Jerusalem mit einer »El-Salvador-Straße«. Elf Jahre später wurde für ihn in Yad Va­shem ein Baum in der »Allee der Gerechten« gepflanzt. Und die Anti-Defamation League ehrte ihn 2012 mit einer Gedenkstunde.

7. Oktober

London: Maskierte Aktivisten protestieren gegen jüdischen Dachverband

Antiisraelische Aktivisten haben den Jahrestag des 7. Oktober 2023 zum Anlass genommen, das Board of Deputies of British Jews verbal anzugreifen. Es gab mehrere Festnahmen

 07.10.2026

Top 50

Die einflussreichsten Juden

Wie in jedem Jahr hat die »Jerusalem Post« ihr Ranking veröffentlicht – mit mehr Frauen und Gruppenplätzen

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Fußball

Boykott gegen Israel – schließt sich das Schweizer Frauennationalteam den irischen Männern an?

Der Schweizerische Fußballverband reagierte offen, betonte jedoch, dass der Sport im Zentrum stehen solle

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Schweiz

Leerstellen im Mengele-Dossier

Nicht nur geschwärzte Namen sorgen im Mengele-Dossier des Nachrichtendienstes für Fragen. Auch wichtige Unterlagen fehlen – und niemand kann heute mehr genau erklären, warum.

von Nicole Dreyfus  06.10.2026

Großbritannien

»Die Grünen sind jetzt eine extremistische Partei«

Ein Parteitagsbeschluss der englischen Grünen, in dem der Zionismus als eine Spielart des Rassismus bezeichnet und zur Befreiung Palästinas aufgerufen wird, ist nicht nur in Großbritannien auf heftige Kritik gestoßen

 05.10.2026

Nachruf

Weimer würdigt gestorbene Holocaust-Überlebende Irene Butter

Eine weitere jüdische Zeitzeugin des Holocaust ist tot. Irene Butter starb im Alter von 95 Jahren in den USA. Lange hatte sie nichts von ihren Erlebnissen im KZ erzählt. Dann berichtete sie jahrzehntelang Schülern von ihrem Leben

von Christoph Arens  05.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 02.10.2026

Gespräch

Jüdische Stimme am Vatikan

Viktor Eichner vom Jüdischen Weltkongresses hat ein großes Ziel: sich für die jüdische Gemeinschaft einzusetzen – vor allem beim Heiligen Stuhl

von Sabine Kleyboldt  02.10.2026