Geschichte

Der Balfour-Spezialist

Der britische Historiker James Renton (41) Foto: Daniel Zylberstein

Eigentlich ist er Regenwetter und Gummistiefel gewöhnt, denn sein Arbeitsort ist die Fakultät für Geschichte an der Edge Hill University in der Nähe von Liverpool. Doch stattdessen sitzt James Renton (41) an einem schönen sonnigen Tag an einem Schreibtisch in Florenz. Große Fenster zeigen das Panorama einer sonnigen Hügellandschaft voller Pinien- und Olivenbäume.

Renton entspricht nicht dem Klischee eines »verstaubten« englischen Historikers im Tweedjackett. Er hat schulterlange gekräuselte Haare und trägt ein weißrot kariertes offenes Hemd und Jeans. Am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz wird Renton ein Jahr lang durch das Jean-Monnet-Forschungsstipendium gefördert.

Palästina James Rentons Spezialgebiet ist die britische Mandatszeit Palästinas – und insbesondere alles, was mit der Balfour-Erklärung von November 1917 zu tun hat. Darin unterstützte der damalige britische Außenminister James Arthur Balfour die Gründung einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina.

Renton kommt aus einer jüdischen Familie und wuchs im Norden Londons auf, doch sein Forschungsinteresse, sagt er, hat weniger mit seiner Jugend zu tun: »Zu Hause wurde wenig über Israel gesprochen.« Sein Interesse am imperialen und kolonialen Großbritannien habe stattdessen in der Schule begonnen, als er Essays über die Gründungsjahre Israels schrieb.

James Renton promovierte schließlich über diese Zeit an der Fakultät für Jüdische und Hebräische Studien des University College London (UCL). Seine Studien führten zu einem ersten Buch mit dem Titel The Zionist Masquerade. Halten viele die Balfour-Deklaration nur für ein frühes Gründungsdokument des modernen Israel, glaubt Renton, dass mehr dahintersteckte.

Empire Unabhängigkeitsdrang »Die Briten sahen Juden, genau wie Araber, als unter ihnen stehend an. Sie erkannten zwar die kulturellen Rechte beider Seiten an, sahen sie aber nicht dazu in der Lage, selbstständig und ohne britische Kontrolle agieren zu können.« Die britische Regierung, so Renton, glaubte stattdessen, dass sich Araber und Juden dem britischen Empire permanent unterstellen würden. Doch dies sei eine selbstherrliche Fehleinschätzung gewesen: »Indem die Briten beide Seiten unterstützten, befeuerten sie gerade erst den Unabhängigkeitsdrang beider.«

Renton erklärt, dass die Balfour-Deklaration explizit mit ihrem Versprechen, die jüdische Präsenz in Palästina zu garantieren, 1922 in die Mandatsurkunde miteingefügt wurde. Doch habe dies keineswegs am Wohlwollen für den Zionismus gelegen, sondern an einem von der britischen Führung geteilten antisemitischen Vorurteil – nämlich dem, dass die Juden weltweit Staaten kontrollierten, allen voran die USA. Diesbezüglich sei die Balfour-Deklaration und das daraus entstehende Mandat aus britischer Sicht als Versuch zu verstehen, diese angebliche Macht zugunsten des britischen Empires zu beeinflussen. Renton betrachtet durch das Fenster das sonnige Panorama, bevor er weiterspricht: »Jeder, der jüdische Menschen kennt, weiß, wie viele unterschiedliche Bewegungen es unter ihnen gibt. Der Glaube an eine Kollektivmacht aller Juden geht auf christlich-theologische Konzepte zurück.« Renton spricht dabei das 500. Jubiläum der Reformation am 31. Oktober 2017 an – und ihren Urheber, Martin Luther.

An der Person Luthers, so Renton, könne man gut die Ursprünge späterer Weltverschwörungstheorien über Juden erkennen. Renton sieht Parallelen zwischen Luther und dem Gedankengut, das seiner Ansicht nach hinter der Balfour-Deklaration steckte, sowie heutigen antisemitischen Vorurteilen über angebliche jüdische Lobbys. Die Balfour-Erklärung habe aber auch eine Revolution in der Weltpolitik bedeutet, am Ende des 400 Jahre andauernden Osmanischen Reiches und dem Beginn des Zeitalters, in dem die Menschheit sich in Nationen zusammenschloss.

Islamophobie In seinem neuen Buch Antisemitism and Islamophobia in Europe – A Shared Story, das im Frühjahr 2017 erschienen ist, thematisiert Renton zusammen mit seinem britischen Kollegen Ben Gidley sowohl Antisemitismus als auch Islamophobie in Europa seit den Kreuzzügen bis zum Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris 2015. Renton glaubt: Standen Juden und Araber zu Zeiten des britischen Imperiums noch auf der anderen Seite, befänden sich Juden nun politisch im Einklang mit dem europäischen Selbstverständnis. Auch das habe durchaus theologische Wurzeln, denn das Christentum könne sich – anders als in seinem Verhältnis zum Islam – nicht ohne das Judentum verstehen.

Wie steht Renton zu den heutigen politischen Auseinandersetzungen um die Balfour-Erklärung und ihre Folgen? Der Historiker glaubt, dass sich die politischen Fronten seit 1917 und 1922 kaum verändert haben. Die von den Briten in der Mandatszeit tolerierten jüdischen Institutionen und das geltende britische Rechtssystem hätten in die Gründung des unabhängigen Staates Israel gemündet.

Die Zweiteilung des Mandats im Jahr 1932, in die ebenfalls die Balfour-Erklärung einfloss, wurde außerdem Grundlage der Resolution des Völkerbundes, die zur offiziellen Gründung Israels führte. Während die jüdische Seite dies nun 100 Jahre nach der Balfour-Erklärung am 2. November 2017 feiern wird, haben die Palästinenser eine Entschuldigung Großbritanniens für die Deklaration gefordert.

Die Briten müssten sich tatsächlich entschuldigen, glaubt Renton überraschenderweise: »Ich habe in der israelischen Tageszeitung ›Haaretz‹ vor nicht allzu langer Zeit geschrieben, dass die Briten sich tatsächlich entschuldigen sollten. Nicht jedoch dafür, dass Israel entstanden ist, sondern dafür, dass sie die regionalen Umstände im Nahen Osten nicht richtig verstanden und dadurch mit ihren damaligen Entscheidungen und Unterschätzungen ein großes Durcheinander geschaffen haben.«

Lebenswege Kann ein Historiker in solch umstrittenen Fragen überhaupt neutral bleiben? Renton sagt: »Als Historiker entscheide ich nicht, ob die eine Seite oder die andere richtig ist. Geschichte besteht aus den komplexen Lebenswegen individueller Menschen. Es geht nicht um Sympathien oder die Verurteilung der einen oder anderen Seite, sondern um das Verstehen dieser komplizierten und vielschichtigen Prozesse.«

Dabei ist es Renton wichtig, dass Großbritanniens Haltung zum Nahen Osten Anfang des 20. Jahrhunderts sowie die Balfour-Erklärung, deren 100-jähriges Jubiläum dieses Jahr gefeiert oder bedauert wird, als genauso komplex verstanden werden wie die Haltung Großbritanniens zu seinen anderen Kolonien. Man müsse einfach verstehen, dass ältere weltanschauliche Konzepte eine Rolle spielten – und dass auch rassistische Vorurteile und Antisemitismus mit im Spiel waren.

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