Interview

»Chinesen bewundern Juden«

Vermittelt chinesischen Studenten das Judentum: Professor Xu Xin Foto: pr

Herr Xu, Sie befassen sich in China mit Jüdischen Studien und haben die Encyclopaedia Judaica auf Chinesisch herausgegeben. Woher kommt das Interesse dafür in Ihrem Land?
Anfang des 20. Jahrhunderts haben chinesische Intellektuelle angefangen, sich sehr mit ausländischer Literatur zu beschäftigen, da sie nach neuen Ideen suchten, um das Land, das die ungeliebten Mandschus beherrschten, zu reformieren. So kam man zum ersten Mal auch mit jüdischen Themen in Berührung. Außerdem gingen damals die ersten chinesischen Studenten ins Ausland und hatten dort direkten Kontakt mit Juden. Viele Chinesen sahen Parallelen zwischen sich und den Juden.

Welche Parallelen meinen Sie?
China litt im Laufe der Geschichte immer wieder unter fremder Herrschaft. Viele verfolgten daher mit Interesse zionistische Ideen. Auch galt das Jiddische als Vorbild, um gegen den exklusiven Gebrauch des klassischen Chinesisch in Literatur und Verwaltung zu kämpfen. Sie sahen ein gutes Beispiel darin, dass Hebräisch von vielen nur für religiöse Zwecke benutzt wurde. Und später, in den 80er-Jahren, nach der Öffnungspolitik des Landes, als chinesische Intellektuelle nach neuen Ideen suchten, entflammte das Interesse am Jüdischen erneut.

Welches Bild haben die Chinesen von den Juden?
Da das jüdische Volk genauso eine alte Kultur wie die chinesische ist, wird sie sehr respektiert. Viele sind der Meinung, dass man ganz viel vom Judentum lernen kann. Obwohl die Juden eine Minderheit sind und an ihren Traditionen festhielten, haben sie es fast immer und überall geschafft, sich erfolgreich an der Gesellschaft zu beteiligen.

Wie kamen Juden ursprünglich nach China?
Die ersten kamen im 8. Jahrhundert über die Seidenstraße als Händler ins Land und suchten nach geeigneten Geschäftsmöglichkeiten. Sie ließen sich in größeren Städten nieder, am bekanntesten war wohl die Gemeinde in Kaifeng, der damaligen kaiserlichen Hauptstadt. Sehr viel später dann, im 20. Jahrhundert, siedelten viele russische Juden, die in ihrer Heimat verfolgt wurden, in Harbin, im Nordosten Chinas.

Zur gleichen Zeit kamen auch einige jüdische Familien über den Irak und Indien nach Shanghai und Hongkong.
Ja, und während des Zweiten Weltkriegs kamen viele jüdische Flüchtlinge nach Shanghai, wo sie sich später, von den japanischen Besatzern gezwungen, in einem Ghetto aufhalten mussten.

Wie nahm China die Juden jeweils auf?
Während der schweren Zeit des Zweiten Weltkriegs halfen sich Juden und Chinesen gegenseitig. Interessanterweise wurden Juden in China immer nur als Ausländer wahrgenommen und nicht als Juden. Die Chinesen hatten keinen Bezug zu dieser Art von Religion. Insofern gab es nie eine antijüdische Diskriminierung.

Und gibt es heute Antisemitismus in China?
Nein, im Gegenteil, die Chinesen bewundern die Juden und versuchen, von ihnen zu lernen. Man solle sich nur die Liste der jüdischen Nobelpreisträger anschauen, oder die der weltweit bedeutendsten Politiker, Ökonomen und Schriftsteller. Das beeindruckt die Menschen in China. Und wenn manchmal trotzdem stereotype Aussagen über Juden fallen, hat das nur mit westlichem Einfluss zu tun.

Wie beeinflussen politische Ereignisse in Israel die Meinung der Chinesen gegenüber Juden?
Wenn überhaupt, dann haben sie keinen negativen Einfluss. Die Chinesen bewundern die Stärke und den Erfolg Israels gegenüber seinen Nachbarn.

Wie würden Sie das derzeitige Verhältnis zwischen Israel und China beschreiben?
Aus geopolitischen Gründen steht die Volksrepublik China hinter den Palästinensern und unterhält auch gute Beziehungen zum Iran. Aber da unter den Chinesen im Allgemeinen eine positive Einstellung gegenüber Israel herrscht, ist es auch nicht paradox, gleichzeitig bilaterale Handelsbeziehungen zu unterhalten.

Wie wird in China mit dem Thema Holocaust umgegangen?
Das Thema wurde hier erst vor gut 20 Jahren mit der Öffnungspolitik in China bekannt. Die erste Ausstellung darüber fand 1991 in Shanghai statt. Seitdem gibt es regelmäßige Medienbeiträge. Jedes Jahr veranstalte ich außerdem in meinem Institut einen Workshop über die Schoa mit internationalen Experten. Vor dem Hintergrund des Massakers von Nanjing reagieren viele Chinesen sehr sensibel auf dieses Thema.

Es gibt heute einige jüdische Gemeinden in China, die zum größten Teil aus Ausländern bestehen. Wie sieht die chinesische Regierung diese Gemeinden?
Im Gegensatz zu christlichen Kirchen dürfen sich jüdische Gemeinden in China etablieren, Rabbiner können ohne Probleme ins Land kommen. Der Grund ist, dass das Judentum keine missionierende Religion ist. Anders als das Christentum stellt es keine politische Gefahr für die Regierung dar.

Mit dem Leiter des Diana and Guilford Glazer Institute of Jewish Studies der Universität Nanjing sprach Michelle Berger.

Kanada

Ein wenig Mizwa, sehr viel Macho

Das Magazin »Rolling Stone« kürte Drake einst zum »größten jüdischen Rapper aller Zeiten«. Doch der Anfang war hart

von Sarah Thalia Pines  05.11.2026

London

Banal, schlicht und ironisch

Julia Pascals Theaterstück »The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« erzählt von Hannah Arendt, Charlotte Salomon und Eva Daube als deutsche Jüdinnen in Frankreich und ihrem Leben zwischen zwischen Exil, Gefangenschaft und Überlebenskampf

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  05.11.2026

Treffen

Bob Dylan bei Papst Leo XIV. im Vatikan - mit Cap und Kapuze

Der Musiker und Songwriter Bob Dylan ist 1997 zum ersten Mal einem Papst begegnet - damals in Bologna, bei einem Jugendtreffen. Nun kam er in den Vatikan und sprach dort mit einem Landsmann

von Ludwig Ring-Eifel  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

Internetbetrug

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau warnt vor Fake-Webseite

Wer die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen will, muss bei der Buchung aufpassen. Denn aktuell gibt es eine gefakte Webseite, teilte die Gedenkstätte mit

von Christiane Laudage  04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

USA

Jüdische MAGA-Aktivistin an der Uni mit Tod bedroht

Die jüdische Studentin und Trump-Unterstützerin Liz Benichou wurde auf dem Campus der University of Michigan attackiert und zu Boden gestoßen

von Nicole Dreyfus  04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

USA

Die innere Sicherheit

Wie jüdische Gemeinden ihren Alltag gegen wachsenden Antisemitismus verteidigen – und sich zunehmend selbst schützen müssen. Ein Ortsbesuch in Washington, D.C. und Miami

von Katrin Richter  02.11.2026