Er steht irgendwo in der Dunkelheit. Ganz allein in der Nähe des Meeres, damit er ein Signal für sein Mobiltelefon aus Israel erhält. »Wir haben hier sonst keine Verbindung«, sagt M. Er ist ein junger Palästinenser aus Gaza, der an den Protesten der vergangenen Tage gegen die Hamas teilgenommen hat. Seine Identität ist der Redaktion bekannt, doch zu seinem Schutz veröffentlichen wir sie nicht.
Er weiß genau, wofür die Proteste stehen. Denn bereits 2019 ging M. gegen das Terrorregime in seiner Heimat auf die Straße. Er landete in einem Kerker, wurde gefoltert. Das Motto seinerzeit: »Wir wollen leben!« Und darum ginge es den Menschen heute genauso: »Leben – auch hier in Gaza.« Die Proteste fanden in der vergangenen Woche an drei Folgetagen statt, dann schwächten sie ab.
Die Hamas-Schergen folterten und ermordeten einen 22-jährigen Protestler
Warum, wurde auf grausame Weise klar: Die Schergen der Terrorgruppe folterten und ermordeten den 22-jährigen Oday Nasser Al-Rabay, der sich laut Angaben seiner Familie an den Protesten beteiligt hatte. Die Leiche wurde vor seinem Haus abgelegt. Eine klare Warnung. Und dennoch wurden bei der Beerdigung Dutzende dabei gefilmt, wie sie riefen: »Hamas raus!«
»Wir erleben die Brutalität der Hamas seit 18 Jahren auch gegen das eigene Volk, und noch extremer in den anderthalb Jahren des Krieges. Jetzt werden wir von den Israelis und der Hamas getötet. Wir müssen ständig hin und her ziehen, sind obdachlos, haben kein Essen. Wir können es nicht mehr ertragen, wollen einfach nur normal in unserem Land leben und nicht sterben. So, wie es ist, ist es eine Katastrophe«, fasst M. zusammen.
»Die Hamas nimmt sämtliche Hilfslieferungen sofort in Beschlag.«
Das Problem sei einzig die Hamas: »Sie hat klargemacht, dass sie die Kontrolle über den Gazastreifen behalten will, doch so wird Israel den Krieg nicht beenden. Zwar gibt das Regime vor, Israel werde die Kämpfe so oder so weiterführen, doch wir glauben das nicht«, erläutert M. »Die Hamas muss die Geiseln freilassen und verschwinden. Wenn sie weg sind, wird es mit Israel Frieden geben. Und wir, die Menschen hier, wollen eine friedliche Lösung.«
Derzeit liege der Preis für ein Kilo Mehl bei 150 US-Dollar. Zum Umziehen müsse man sich Esel mieten, die oft bis zu 750 Dollar am Tag kosten. M. ist einer der »Glücklichen«, die ein Zelt ergattern konnten. Es kam mit den Hilfslieferungen. Doch M. bekam das notdürftige Obdach nicht umsonst. »Ich habe 2000 Dollar dafür bezahlt.«
So funktioniert das System der Hamas
Auf diese Weise funktioniert das System der Hamas. M. erklärt: »Sie nehmen sämtliche Hilfslieferungen sofort in Beschlag. Zuerst verteilen sie es an ihre Leute, den Rest werfen sie auf den Schwarzmarkt, wo wir es für horrende Preise kaufen müssen. Umsonst bekommen wir nichts.«
»Die Hamas denkt, sie könne uns hin- und herzerren, wie es ihr beliebt. Wie Schafe von einem Krieg zum nächsten. Doch wir haben die Nase voll.« Er geht davon aus, dass vor dem 7. Oktober 30 Prozent der Bevölkerung des Gazastreifens hinter der Hamas-Regierung standen. Heute, ist er sicher, seien es nicht mehr als zehn Prozent. »Fast alle hassen sie.«
Der Palästinenser äußert sich auch zum Massaker der Hamas am 7. Oktober mit mehr als 1200 Toten und 251 Geiseln. »Wir wollten es nicht. Es ist furchtbar, was geschah. Es verstößt gegen jegliches Recht.«
»Wir sind 2,5 Millionen Menschen. Doch natürlich konnte die Hamas einige Tausend Leute zusammentrommeln, die jubelten.«
Verschiedene Studien, unter anderem der Konrad-Adenauer-Stiftung, hatten gezeigt, dass es innerhalb der Zivilbevölkerung große Zustimmung für das Massaker der Hamas und die Führung der Terrororganisation gebe. M. ist hingegen überzeugt, dass die Mehrheit der Zivilbevölkerung dies auf keinen Fall gewollt habe. »Wir sind 2,5 Millionen Menschen. Doch natürlich konnte die Hamas einige Tausend Leute zusammentrommeln, die darüber jubelten. Dann sieht es so aus, als wären alle in Gaza so. Genau diese Narrative will die Hamas in die Welt posaunen, live gesendet über ›Al-Jazeera‹. Aber es ist nicht die Wahrheit!«
Laut der Gesundheitsbehörde im Gazastreifen sollen bisher mehr als 50.000 Menschen in dem Krieg getötet worden sein. Diese Zahlen können nicht überprüft werden, da die Behörde von den Terroristen kontrolliert wird. In der Vergangenheit hatte sie ebenso systematisch, wie oft nachgewiesen, fälschliche Zahlen verbreitet.
Hamas behauptet, die Proteste richteten sich gegen Israel
Die radikal-islamistische Terrororganisation, die seit 2007 im Gazastreifen herrscht, erklärte, die Proteste richteten sich gegen Israel und nicht gegen die Hamas, trotz gegenteiliger Berichte, Interviews und Aufnahmen. Dem widerspricht auch der Politikwissenschaftler Michael Milshtein, Leiter des Forums für Palästinastudien am Mosche-Dayan-Zentrum für Nahost- und Afrikastudien der Universität Tel Aviv.
»Proteste in dieser Größe gab es noch nie zuvor. Die Massen zogen sich fast durch die gesamte Hauptverkehrsstraße des Gazastreifens, vom nördlichen Teil bis nach Khan Younis im Süden.« Die Slogans beinhalteten ganz konkret: »Raus mit der Hamas!« Milshtein ist überzeugt, dass die Proteste ohne klare Anführer entstanden und authentisch seien. »Es sind die Menschen auf den Straßen, die keine durchdachte Agenda haben, außer der, leben zu wollen.«
»Proteste in dieser Größe gab es noch nie zuvor.«
In diesem Zusammenhang kritisiert der Politologe die Aussagen des israelischen Verteidigungsministers Israel Katz, der die Menschen in Gaza aufrief, gegen die Hamas aufzustehen. Das müsse von den Menschen selbst kommen, hebt Milshtein hervor. »Aussagen wie diese werden von der Hamas gegen die Demonstranten benutzt, die jetzt sagen: ›Seht ihr, alles ist von Israel organisiert.‹«
Dass sich die Protestierenden in große Gefahr bringen, ist für Milshtein klar. »Noch hält sich die Hamas zurück, doch wenn die Demonstrationen größer werden, könnte es durchaus sein, dass sie härter vorgehen, mehr Leute festnehmen und ermorden. Sie zögern nicht, ihr eigenes Volk umzubringen.« Das ist seiner Meinung nach der Hauptgrund, weshalb die Proteste abschwächen. Sollten sie wachsen, könne es durchaus eine existenzielle Bedrohung für die Terrororganisation werden, meint der Experte. »Hunderttausende auf den Straßen von Gaza – das wäre ein echtes Problem für die Hamas.«
M. kann sich eine Aussöhnung mit Israel durchaus vorstellen. »Natürlich ist jegliches Vertrauen durch den 7. Oktober verloren gegangen, ich verstehe diese Gefühle der Israelis voll und ganz.« Und doch meint der junge Palästinenser: »Wir müssen die Narrative auf beiden Seiten ändern, was sicher eine Generation dauern wird. Aber ich bin sicher: Es ist möglich.«