Ernährung

Vollkorn zum Milchkaffee

Kein reiner Brotberuf: Gesunde Backwaren boomen in Israel. Foto: Sabine Brandes

Schlappes Pita und Mazzen, die eher an Pappe als an Brot erinnern – das soll alles sein, was in israelischen Frühstückskörben liegt? Von wegen! Fette Laibe, gefüllt mit allerlei Gutem aus der Natur und umhüllt von knackiger Kruste, stapeln sich hierzulande in den Bäckereien. Vorbei sind die Tage der Einfallslosigkeit aus Weizenmehl. Auch beim Brot lieben es die Israelis trendy. Bei einer internationalen Meisterschaft in Italien verwiesen die Bäcker aus dem Heiligen Land kürzlich sogar die erfahrenen Deutschen und gourmetverliebten Franzosen auf die Plätze. Israel ist der Brotbackmeister 2012.

Das Team gewann in den zwei Kategorien »Innovatives Brot mit Schwerpunkt gesunde Ernährung« sowie »Gebackenes Dessert« und brachte damit den Pokal nach Hause. Deutschland wurde Zweiter, gefolgt von den Australiern. Teamchef Eli Avraham ließ keinen Zweifel: »Das zeigt, dass wir Israelis im Brotbacken ganz oben in der Welt stehen.«

In Assafs Bäckerei auf der Sokolow-Straße in Ramat Hascharon kann sich jeder davon überzeugen. Morgens sind die Regale noch voll mit Laiben, Brötchen und Baguettes, mittags schon herrscht in den meisten gähnende Leere. Blitzschnell gehen die warmen Semmeln weg. »Ich hätte gern etwas Gesundes«, sagt eine Dame, die offenbar zum ersten Mal hereinschaut. »Bei uns ist alles gesund«, antwortet Verkäuferin Smadar Schechter mit strahlendem Lächeln und hält der Dame den Probierteller unter die Nase.

»Chia-Samen aus Mexiko oder Dinkel gefällig?«, fragt sie. Die Kundin hat noch nie von Chia gehört und möchte aufgeklärt werden. Sofort hat die Frau hinter der Theke die Information parat: »Dreimal so viel Omega-3 wie Lachs, 15-mal so viel Magnesium wie Brokkoli plus den sechsfachen Calciumgehalt von Milch. Besonders empfehlenswert für Schwangere und Kinder.« Gekauft.

Vollkorn Auch die Provinz hat längst ihre eingefleischten Brotliebhaber. Die Inhaber des »Goren« wissen das. Vor einigen Jahren eröffneten sie im Zentrum des Kleinstädtchens Pardes Chana auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Haifa ihre Bäckerei mit angeschlossenem Café. Und die boomt. Zwischen Laugenbrezeln, Vollkornbrot mit Möhrenraspeln und geschroteten Dinkelbrötchen bestellen die Kunden mit Vorliebe die heimische Variante des Milchkaffees, den Hafuch.

Vorbei sind die Zeiten, in denen in israelischen Küchen ausschließlich labbrige Stullen aus hellem Mehl geschmiert wurden. Heute kommt die Pastrami aufs vollwertige Pausenbrot. Lehrerin Rena Weisz bescheinigt ihren Schülern: »Auch Kinder essen mittlerweile gern volles Korn. Der Großteil der Mädchen und Jungs kommt jeden Morgen mit gesundem Frühstück in die Klasse.« In den Grundschulen stünde richtige Ernährung schließlich schon seit Jahren auf dem Stundenplan. »Also kennen sich die Kinder aus und wissen genau, was gesund ist«, sagt Weisz.

»Der Trend geht eindeutig in Richtung Gesundheit«, weiß auch die Angestellte der Bäckerei Assaf. Menschen, die auf ihre Ernährung achten, wollen meist etwas ganz Bestimmtes, wie Dinkel oder Roggen. »Andere lassen sich beraten und fragen mich, was besonders gut ist«, so Schechter. »Ganz obenan stehen Mischungen aus vollem Korn – je höher der Prozentsatz, desto besser.«

Gefragt sind auch Backwaren aus Sauerteig oder mit außergewöhnlichen Zutaten, etwa Rote Beete, Sellerie, Quinoa oder Cranberries. »Für viele Feinschmecker kann es gar nicht ausgefallen genug sein.« Den Spaß am Brot lassen sich die Menschen etwas kosten. 3,50 bis 5,20 Euro muss man für einen Laib zwischen 600 und 1.000 Gramm hinblättern.

Fortbildung Assaf Levy, Inhaber von »Assafs Bäckereien« in Ramat Hascharon und Tel Aviv, wundert sich nicht, dass seine Landsleute den Brotbackthron bestiegen haben. »Israelis lieben das Reisen. Und sind neugierig. Bei den Aufenthalten in fremden Ländern schauen sie unheimlich gern in die Kochtöpfe und Backöfen der Einheimischen.«

Viele junge Menschen würden im Anschluss an ihre Reise wieder ins Ausland gehen, um das Know-how der Chefs und Patissiers zu erlernen. »Mit diesem Können kommen sie anschließend nach Israel zurück und bringen hervorragende Produkte auf den Markt. Viele sind wahnsinnig innovativ und haben außergewöhnliche Ideen.« Dadurch sei der Koch- und Backmarkt in den letzten Jahren so enorm gewachsen, spekuliert der Konditor- und Bäckermeister.

Allerdings habe das Volk ohnehin schon immer eine besondere Affinität zum Essen gehabt, ist er sicher. Viele Israelis würden nichts von Fertiggerichten halten, sondern regelmäßig heimische Kost aus guten Zutaten kochen. Diese hohe Qualität wollten sie auch bei Backwaren. »Kurz gesagt«, fasst Levy zusammen, »wir Israelis lieben das Essen und sind auch immer gut genährt.«

Ofer Winter

Analyse

Wer hat Angst vorm Winter?

Vor den Wahlen wächst im Likud die Sorge vor Ofer Winter. Der Ex-General will das rechte Lager verändern und unterstützt trotzdem Netanjahu als Premier

von Sabine Brandes  31.08.2026

Jerusalem

Frauen in Israels Politik: Der nächste Rückschritt droht

Eine »Ynet«-Recherche zeigt: Von Gleichberechtigung kann bei den meisten Parteien keine Rede sein. Es gibt nur eine echte Ausnahme

 31.08.2026

Gedenken

Die »schönen Sechs« - wir vergessen nicht

Vor zwei Jahren wurden Hersh Goldberg-Polin, Carmel Gat, Almog Sarusi, Ori Danino, Eden Yerushalmi und Alexander Lobanov von der Hamas in Gaza ermordet

von Sabine Brandes  31.08.2026

Interview

»Stärkste Macht in der Region«

Dan Schueftan war Sicherheitsberater unter Israels Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin und Ariel Scharon. Heute sieht er das Land so dominant wie nie zuvor – und Europa auf einem ideologischen Irrweg

von Detlef David Kauschke  31.08.2026

Jerusalem

Bennett für Begnadigung Netanjahus – unter einer Bedingung

»Ich möchte nicht, dass er im Gefängnis landet«, sagt der frühere Ministerpräsident und Oppositionspolitiker

 31.08.2026

Jerusalem

Netanjahu: Protokolle werden »die Wahrheit« über den 7. Oktober zeigen

»Sie haben mich gefragt, was passiert wäre, wenn sie mich geweckt hätten. Es wäre nicht passiert«, so Israels Ministerpräsident

 31.08.2026

Geiselverhandlungen

Israels geheimer Draht zur Hamas

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Geheimdienstes Schin Bet enthüllt in einem Interview erstmals direkte Gespräche mit der Führung der Terrororganisation nach dem 7. Oktober 2023

von Sabine Brandes  30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Knesset-Wahlen

Ein Wegweiser durch den Dschungel der israelischen Politik

Am 27. Oktober wählt Israel. Sie wollen mitreden, aber können die Parteien nicht auseinanderhalten? Willkommen im Klub. Die Israelis können es auch nicht

von Guy Katz  30.08.2026