Überlebensbericht

»Sie ergötzten sich an unserem Betteln«

Sie waren zu viert. Für jeden gab es ein trockenes Pitabrot mit zwei Löffeln Bohnen am Tag. »Plötzlich gaben sie uns nur drei Brote und sagten, ›teilt, wir bringen später mehr‹. Doch sie brachten nichts mehr.« Worte von Eliya Cohen, der vor sechs Wochen nach 505 Tagen aus der Geiselhaft der Hamas freikam. Man könne letztendlich mit allem klarkommen, sagte er in einem Interview im israelischen Channel 12. »Aber der Hunger ist ganz und gar unerträglich.«

Der 27-Jährige berichtete zum ersten Mal über seine erschütternden Erlebnisse seit dem Grauen, das ihn und seine Verlobte Ziv Abud beim Tanzen auf dem Nova-Festival überfiel, und die anhaltenden psychischen und physischen Folgen, unter denen er und Ziv leiden.

Er wandte sich auch an Israels Regierung: »Wir erzählen ihnen von dem, was wir dort erlebt haben: Hunger, Ketten und andauernde Gewalt. Sie hören zu und entscheiden sich trotzdem, die Kämpfe in Gaza wieder aufzunehmen.« Das schockiere ihn zutiefst. Denn seiner Meinung nach ist es für die zurückgebliebenen Geiseln »ein Todesurteil« – und deshalb müsse eine Lösung gefunden werden. »Dort in den Tunneln leiden Menschen. Wir müssen uns an den Verhandlungstisch setzen und uns das Gehirn zermartern, bis wir sie rausgeholt haben.«

Alon Ohel blieb allein in den Tunneln zurück

Noch immer sind 59 Verschleppte in der Gewalt der Hamas in Gaza. 24 von ihnen sollen am Leben sein, darunter Alon Ohel, der mit Elia Cohen, Or Levy und Eli Sharabi zusammen gefangen gehalten wurde. Alon blieb allein in den Tunneln zurück.

Cohen und seine Freundin Ziv waren am 7. Oktober 2023 auf dem Nova-Musikfestival, als die Terroristen hereinstürmten. Mehr als 360 meist junge Leute wurden hier von der Hamas abgeschlachtet. Zusammen mit Dutzenden anderen versuchte das Paar, sich in einem nahegelegenen Luftschutzbunker zu verstecken, der später als »Todesbunker« bezeichnet wurde. Damals habe er Alon zum ersten Mal getroffen, erzählte er.

»Wir wussten, dass es sich um weit mehr als nur Raketen handelte, aber wir waren davon überzeugt, dass die Armee auf dem Weg war.« Doch dann seien Pickups mit Hamas-Terroristen angekommen und hätten begonnen, Handgranaten zu werfen. »Ich warf mich auf Ziv, und schrie: ›Ich liebe dich.‹ Die Granate explodierte und tötete alle am Eingang. Ziv antwortete: ›Eliya, ich liebe dich.‹« Sie versteckten sich unter den Leichen und verabschiedeten sich voneinander, weil sie sicher waren, nicht zu überleben.

Nachdem Eliya ins Bein geschossen worden war, wurde er ohnmächtig. Als er die Augen wieder öffnete, starrten ihn drei Hamas-Terroristen an, die ihn auf einen Pickup-Truck geladen hatten. »Sie fotografierten uns mit einem irren Grinsen im Gesicht. Dieses Grinsen werde ich nie vergessen. Ich lebe damit. Es ist das Grinsen meiner Entführung.«

Eliya Cohen: »Die Ketten schnitten einem die Beine auf. Man ging zur Toilette und brauchte zehn Minuten. Nur zum Duschen alle zwei Monate nahmen sie sie ab.«

Dann gab er eine bislang unbekannte Geschichte preis: »Eine Geisel, die mit uns auf dem Wagen lag, beschloss, die Situation selbst in die Hand zu nehmen und sagte: ›Ich springe ab.‹ Wir flehten ihn an, es nicht zu tun, aber er tat er es dennoch. Sie hielten den Truck an, erschossen ihn, und fuhren weiter, als sei nichts geschehen.« Cohen sagte nicht, um wen es sich gehandelt habe.

Nach seiner Ankunft in Gaza erlaubten ihm die Terroristen zu duschen. »Ich sah, dass ich zerschmettert war und blutete. Mein Körper war mit verbrannten Hautstücken der Toten bedeckt.« Als Nächstes sah ein Arzt nach der Schusswunde und beschloss, die Kugel ohne Betäubung zu entfernen. Er gab ihm nur ein Tuch zum Reinbeißen. »Schreien ist verboten«, habe der palästinensische Arzt ihn gewarnt.

Cohen, Ohel und Or Levy wurden in einen Tunnel gebracht, wo die physische und psychische Folter weiterging. Monatelang seien sie angekettet gewesen. »Die Ketten schnitten einem die Beine auf. Man ging auf die Toilette und brauchte zehn Minuten. Nur zum Duschen alle zwei Monate nahmen sie sie ab.«

Terroristen schauten, ob sie »dünn genug« seien

»Man kann damit klarkommen, dass sie einen demütigen, beschimpfen, man kann mit den Ketten an den Beinen klarkommen, aber der Hunger ist ein täglicher Kampf, denn man kämpft nicht nur gegen das Hungern, sondern auch um sein Leben«, so seine dramatische Schilderung. Ein- bis zweimal pro Woche seien Terroristen in das Verlies gekommen und hätten gesagt: »›Zieht eure Kleidung und Unterwäsche aus.‹ Sie prüfen, ob man dünn genug ist, und entscheiden, ob man noch weniger Essen bekommt.«

»Sie tun so, als würden sie darüber diskutieren, während sie ihr Lächeln nicht zurückhalten können. Man versteht, dass es Schwachsinn ist und fragt sich, ›wie tief kann ein Mensch sinken‹«, beschrieb Eliya die grausame Situation. Nichts sei »nazihafter« als das. »Ich hasse Vergleiche mit dem Holocaust, aber näher kommt wirklich nichts heran.«

Während sich die Terroristen am Betteln der Geiseln nach Essen ergötzt hätten, gelang es ihnen dennoch manchmal, an ihre Menschlichkeit zu appellieren. »Ich kann dieses Gefühl kaum beschreiben, wenn du plötzlich das Herz eines Entführers erweichst, er leise in den Raum kommt und dir ein extra Pitabrot, einen Schokoladenriegel oder so etwas bringt. Es ist das Beste, was dir im Leben passiert ist. Weil du einen weiteren Tag überlebst.«

Er beschrieb auch, wie die Terroristen die Geiseln misshandelten, wenn die IDF den Gazastreifen bombardierte oder Berichte über die sich verschlechternden Bedingungen für palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen veröffentlicht wurden. »Jeden Tag, an dem sie Gaza bombardierten, kam einer in den Raum und zog unsere Fesseln enger an.«

»Wir umarmten uns und weinten. Ich sage ihm, er soll stark sein und versprach ihm, dass ich ihn nicht vergessen werde, nur weil ich rauskomme.«

Eines Tages wurden sie aus den Tunneln in ein Gebäude über der Erde gebracht. »Sie fingen an, uns mit Unmengen an Essen zu überhäufen, besonders nachdem Eli und Or freigelassen wurden«, sagte er. »Die Unsicherheit in Sachen Essen und Ernährung verunsichert einen so sehr, dass man am liebsten alles in den Mund stecken würde.« Der nächste Schock kam jedoch, als Eliya erfuhr, dass er freigelassen wird, während Alon in Gefangenschaft bleibt.

»Alon geriet in Panik. Er hatte große Angst und fing an zu weinen«. Eliya habe versucht, ihn zu trösten und sagte, dass auch er in ein paar Tagen raus ist. Doch dann brach der Waffenstillstand zusammen. Auf einem Auge könne der 24-Jährige nicht sehen, sein Zustand sei nicht gut. »Wir umarmten uns und weinten. Ich sage ihm, er soll stark sein und versprach ihm, dass ich ihn nicht vergessen werde, nur weil ich rauskomme.«

Nach seiner Freilassung erfuhr Cohen von einer IDF-Soldatin, dass seine Eltern und seine Freundin Ziv, die er für tot hielt, auf ihn warteten. Er hätte geschrien und geweint und dann gerufen: »Du kannst mich weitere 500 Tage zurückbringen, wenn du mir noch einmal sagst, dass Ziv lebt.«

Endlich nach Hause zurückgekehrt, hat Cohen einen langen Weg der Rehabilitation vor sich. Er erlitt schwere Beinverletzungen, leidet unter Hörverlust und den psychischen Folgen der Gefangenschaft. Und doch will er sich nicht nur auf sich selbst konzentrieren. »Ich habe Alon versprochen, dass das alles nicht vorbei ist, bis ich ihn in Israel wieder treffe. Und deshalb sitze ich hier.«

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