Jerusalem

Schatztruhe der Worte

Von außen sieht das Gebäude aus wie ein geöffnetes Buch. Im Innern der Ausstellungshalle liegt jeder einzelne Schatz in einer klimatisierten Vitrine. Auch hier sind die Bücher aufgeschlagen und erinnern an die Schwingen von Vögeln, die seit Jahrhunderten die Fantasie beflügeln. Werke von unschätzbarem Wert sind ausgestellt. Israels Nationalbibliothek (NLI) hat ein neues Zuhause.

»Dieser Tage sind allerdings nicht alle Werke in der Ausstellung zu sehen«, schränkt Stefan Litt ein, der Archivar an der NLI, der für die deutschsprachigen Bestände zuständig und Kurator für allgemeine Geisteswissenschaften ist. »Es wäre zu unsicher, in Kriegszeiten alles oben zu präsentieren.« Stattdessen werden die bedeutendsten Schriften in besonders geschützten Sicherheitsbereichen aufbewahrt. »20 Meter unter der Erde, da kann nichts passieren«, beteuert er.

Räume voller Kostbarkeiten

Doch auch die Ausstellungsräume sind voller Kostbarkeiten: Einige der seltensten Werke gehören zur Dauerausstellung, die dem Besucher ein interaktives Erlebnis bietet. Hier liegt eine Landkarte des Heiligen Landes für Pilger aus dem Jahr 1585, daneben eine Reisebeschreibung, die noch ein Jahrhundert älter ist. »Das war ein regelrechter Bestseller, sie wurde fünfmal nachgedruckt«, weiß Litt.

Lesen Sie auch


Staatsgründer David Ben Gurion erkannte früh die Bedeutung jüdischer Texte und startete schon 1950 ein Projekt mit dem Ziel, historische hebräische Manuskripte in aller Welt zu finden und in Kopie in Jerusalem zu hinterlegen. Mittlerweile zählt die Sammlung Zehntausende Exemplare, davon viele Originalmanuskripte, die oft mit großem Aufwand und nach langer Reise in Israel angekommen sind

Eine Haggada von 1482

Ebenfalls ausgestellt ist eine Haggada von 1482, erschienen kurz vor der Vertreibung der Juden aus Spanien. Es ist das einzig erhaltene Original. Die Haggada sei das am häufigsten in verschiedenen Ausfertigungen gedruckte Buch in der jüdischen Kultur, so Litt. Etwas weiter ist eine alte Koran-Handschrift aus dem 9. Jahrhundert zu bewundern, ein Teil der umfassenden Sammlung an Orientalia, Schriften aus den Regionen zwischen Israel und Indien.

Auch Modernes gibt es zu sehen. Darunter Zeugnisse berühmter deutschsprachiger Autoren. Von den 1200 in der NLI aufbewahrten Nachlässen sind mehr als 230 teilweise oder ganz in deutscher Sprache verfasst. Denn von 1920 bis 1978 seien ausschließlich Jeckes Direktoren der Nationalbibliothek gewesen, erklärt der Kurator. Das sei einer der Gründe, warum es so viele Nachlässe aus dem deutschsprachigen Raum gebe. »Sie hatten natürlich gute Verbindungen.«

So gehört auch Stefan Zweigs Nachlass zur Sammlung. 1933 hatte der bekannte Autor unter dem Schock über die Machtergreifung der Nazis einen Teil seiner Schriften nach Jerusalem geschickt, darunter Briefe von und an Thomas Mann. Gegründet vor gut 130 Jahren, ist die NLI heute die größte Bibliothek im Nahen Osten und verfügt über die weltweit umfassendsten Sammlungen von Judaika-Texten, jüdischer und israelischer Musik, Karten von Jerusalem und dem Heiligen Land sowie jüdischer und islamischer Manuskripte.

Eine gebührende Eröffnungsfeier in ihrem neuen Gebäude an der Eliezer-Kaplan-Straße 1 zwischen der Knesset und dem Israel-Museum fiel allerdings aus. »Am 6. Oktober 2023 war alles fertig, doch am Nachmittag des 7. Oktober haben wir das meiste wieder weggepackt«, erinnert sich Litt an den Tag der Massaker der Hamas in den südlichen Gemeinden Israels und den Beginn des noch immer andauernden Krieges. Zwischenzeitlich hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bib­liothek alles vier- oder fünfmal auf- und wieder abgebaut.

Gegründet vor gut 130 Jahren, ist die NLI heute die größte Bibliothek im Nahen Osten.

In den Monaten zuvor wurden Millionen Schriften aus der ehemaligen Bibliothek auf dem Campus der Hebräischen Universität Givat Ram in das neue Gebäude gebracht, darunter mehr als vier Millionen Bücher, Manuskripte, historische Zeitungen, persönliche Sammlungen und Archive, antike Landkarten, Plakate, Fotografien, Schallplatten und Tonbänder.

Dies alles ist nun auf 46.000 Quadratmetern und elf Stockwerken, darunter fünf unterirdische, zu Hause. Das Gebäude wurde vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron in Zusammenarbeit mit dem israelischen Architekturteam Mann Shinar entworfen. Der runde, verglaste Lesesaal mit 200.000 Büchern ist das Herzstück. Das Erdgeschoss der Bibliothek umfasst ein Auditorium mit 480 Sitzplätzen, ein Bildungszentrum, ein Res­taurant, ein Café und einen Buchladen. Umgeben ist die NLI von einem Park, in dem es sich wunderbar schmökern lässt.

»Die 1892 in Jerusalem gegründete Nationalbibliothek Israels bewahrt das kollektive Gedächtnis der Israelis aller Hintergründe und Glaubensrichtungen sowie des jüdischen Volkes weltweit«, beschreibt die Institution sich selbst. Durch Digitalisierungsprojekte ermöglicht die NLI den Zugriff auf Sammlungen und schafft Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe wie nie zuvor. »Genau«, sagt Litt. »Alles in der Nationalbibliothek ist frei zugänglich. Die Institution will ihre Schätze mit der Öffentlichkeit teilen. Das ist unsere Philosophie.«

Zu Sukkot lädt die NLI ein, die Laubhütten mit Bildern zum Thema Familie aus den Sammlungen zu schmücken. Zum Selbstausdrucken: www.nli.org.il/en/at-your-service/nli-in-europe/european-days/family

Grenzübergang Taba/Eilat zwischen Ägypten und Israel

Mysteriöser Fall

Drei Israelis in Ägypten verschollen

Die jungen beduinischen Männer seien zum Urlaub ins Nachbarland gereist und dort angeblich aus Gründen der »inneren Sicherheit« festgenommen worden

von Sabine Brandes  29.09.2026

Die Chefs der Oppositionsparteien

Tel Aviv

Israels Opposition schließt Pakt

Eisenkot, Bennett, Lapid, Lieberman und Golan wollen während des Wahlkampfs auf gegenseitige Angriffe verzichten und planen eine »zionistische staatsmännische Regierung«

von Sabine Brandes  29.09.2026

Jerusalem

Gallant spricht über Details der Pager-Operation gegen Hisbollah

Offenbar schöpfte ein Mitglied der libanesischen Terrororganisation Verdacht. Israel sah sich zum Handeln gezwungen

 29.09.2026

Bloomington/Paris

Studie: Keine Grundlage für Apartheid- und Genozidvorwurf gegen Israel

Gunther Jikeli von der Indiana University Bloomington und Philippe Karpe vom französischen Forschungsinstitut CIRAD untersuchten immer wieder erhobene Vorwürfe gegen Israel

 29.09.2026

Jerusalem

Netanjahu reiste offenbar wegen Berichten über Hamas-Warnung nach Abu Dhabi

Hat der israelische Ministerpräsident den Präsidenten der VAE, Scheich Mohammed bin Sajid Al Nahjan, gebeten, Medienberichte zurückzuweisen, wonach dieser seinen Jerusalemer Gesprächspartner vor dem 7. Oktober warnte?

 29.09.2026

Terrorismus

»Wenn sie einen Raum betrat, ging die Sonne auf«

Ricarda Louks Tochter Shani und Sonja Bohl-Denckers Tochter Carolin wurden vor drei Jahren von der islamistischen Hamas ermordet. Ihre Mütter schildern, wie sie mit dem Verlust zurechtkommen - und was sie sich wünschen

von Nina Schmedding  29.09.2026

Niederlande

»Der 7. Oktober, das bin ich«: Student der Uni Maastricht will an Terrorangriff teilgenommen haben

Ein 22-jähriger Palästinenser, der in den Niederlanden studiert, erweckt in einem Instagram-Video den Eindruck, er habe an der Terrorattacke der Hamas auf Israel teilgenommen. Jetzt griff die Hochschule durch

 28.09.2026

Jerusalem/Den Haag

Israel entzieht Niederländern Diplomaten-Pass

Die Niederlande verbieten den Import von Waren aus Siedlungen im Westjordanland. Nun zieht Israel Konsequenzen

 28.09.2026

Tel Aviv

Israel: Entführer von Noa Argamani getötet

Saher Nidal Saqr und andere an den Geiselnahmen beteiligte Terroristen seien bei einem Luftangriff im zentralen Gazastreifen tödlich getroffen worden, teilte die israelische Armee mit

 28.09.2026