Jubiläum

Gemeinschaft der Kämpfer

Gedenkstätte des Ghetto-Aufstands in Lohamei Hagetaot Foto: imago/imagebroker

Drei israelische Frauen machten sich 75 Jahre nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto auf, um den ehemaligen Ort des Grauens zu besuchen. Das Schwesterntrio um Roni Zuckerman – die erste Jagdpilotin der israelischen Luftstreitkräfte (IAF) – suchte in der polnischen Hauptstadt nach Spuren ihrer berühmten Großeltern, der Widerstandskämpfer und Gründer ihres Kibbuz Lohamei Hagetaot (Ghettokämpfer): Jitzhak Zuckerman und Zivia Lubetkin.

»Mit weiteren Überlebenden des Warschauer Aufstandes haben sie unseren Kibbuz aufgebaut,« sagte die IAF-Offizierin erst kürzlich in einer TV-Reportage. Am 19. April 1949, dem sechsten Jahrestag des Beginns der Revolte, tat ihr Großvater in Israel den ersten Spatenstich – in der Nähe der Überreste eines Aquädukts, den die Osmanen bauten, um Akko mit Wasser zu versorgen – und erklärte dabei: »Wir sind hergekommen, um Häuser voller Leben zu bauen.«

Aus Respekt vor ihren Mitstreitern tauften sie den Ort mit einem ungewöhnlichen Namen. Am selben Tag legten sie auf demselben Gelände den Grundstein für das »Ghetto Fighters’ House«, das erste Holocaust-Museum der Welt. Angrenzend daran befindet sich ein Amphitheater, das für Konzerte und Zeremonien wie den Unabhängigkeitstag genutzt wird.

TRAUM »Als sie starben, waren wir noch klein, und danach hat man uns nichts mehr von ihrer Geschichte erzählt«, sagt Roni Zuckerman. Während ihrer Reise durch die polnische Hauptstadt recherchierten sie nicht nur in Archiven und erkundeten die Stadt auf den Spuren ihrer Großeltern. »Es ging uns um mehr als nur ihren heroischen Kampf. In Warschau wurde der Geist geboren, in dem wir aufwuchsen, und durch einige Studien konnten wir vieles aus der damaligen Zeit nachempfinden. Wir erfuhren, dass sie während ihrer Rebellion von einem Leben in Israel träumten, auch wenn sie damit rechneten, nicht zu überleben.«

Jitzhak »Antek« Zuckerman wurde 1915 in Wilna geboren und war von Kind auf Mitglied der zionistischen Organisation Hechaluz (Der Pionier), die Jugendliche auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete. Ab 1936 arbeitete er für diese in Warschau als Funktionär und danach für die Nachfolgeorganisation Dror als Generalsekretär. »Nach dem deutschen Überfall auf Polen war es sein Mut, der unsere Bewegung am Leben hielt«, erzählte 2013 die nur ein Jahr später verstorbene Hawka Folman während einer Dokumentation für das israelische Fernsehen.

In dem Kibbuz entstand das erste Holocaust-Museum der Welt.

Die 1924 im polnischen Kielce geborene Widerstandskämpferin war mit Zivia Lubetkin Schülerin an dem von Dror im Untergrund betriebenen Gymnasium. »Wir hatten eine Zeitungspresse und organisierten Seminare, um unter anderem auch Tora zu studieren.« Als Verbindungsoffizierin der Jüdischen Kampforganisation (ZOB) bereiste sie viele Städte, bis sie im Dezember 1942 verhaftet und nach Auschwitz und später Ravensbrück deportiert wurde. Nach dem Krieg wanderte sie nach Palästina aus und war Mitbegründerin des Kibbuz Lohamei Hagetaot.

CHARISMA Zivia Lubetkin wurde 1914 im polnischen Byten geboren (heute Weißrussland) und schloss sich mit 16 Jahren der sozialistischen zionistischen Bewegung »Freiheit« an. Drei Jahre später zog die charismatische Frau nach Warschau und war mitverantwortlich für die Vereinigung von »Freiheit« und »Hechaluz«. Laut Folman hatte sie trotz ihres ruhigen, bescheidenen Auftretens eine unglaubliche Ausstrahlung als Führungsperson. So gehörte sie 1939 zu den Delegierten beim 21. Zionistenkongress in Genf.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, zog sie nach Bialystok und war im jüdischen Untergrund aktiv, bis ihre Mitstreiter sie nach Warschau schickten, um sich den dortigen Kampfgenossen anzuschließen. Zusammen mit Zuckerman – der als Verbindungsmann zum nichtjüdischen polnischen Widerstand fungierte – gehörte sie 1942 zu den Gründern des ZOB. Während des fünftägigen Aufstands im April 1943, unter Leitung von Mordechai Anielewicz, wurde ihr späterer Ehemann stellvertretender Kommandeur.

Nach dem Scheitern der Rebellion gehörten Zuckerman und Lubetkin zu den wenigen Überlebenden und nahmen auch am Warschauer Aufstand der Polen gegen die deutsche Besatzung teil. Bevor sie nach Kriegsende nach Palästina auswanderten, gehörten beide zur jüdischen Organisation »Bricha« (Flucht), die für viele Holocaust-Überlebende die illegale Einwanderung ins britische Mandatsgebiet organisierte. Als Zeugen im Eichmann-Prozess 1961 sorgten sie mit ihren ergreifenden Aussagen für Aufsehen.

jom-kippur-krieg »Die Ghettokämpfer – auch meine Eltern – waren für uns wie Fabelwesen«, erinnert sich das ehemalige Kibbuz-Mitglied Zvika Greengold. Er selbst wurde 1973 im Jom-Kippur-Krieg zum Helden, als sein gesamtes Panzerbataillon von den Syrern aufgerieben wurde und er allein fast 20 Stunden lang den Feind täuschte und ihm den Eindruck vermittelte, gegen einen übermächtigen Gegner zu kämpfen. Nachdem er fast 60 syrische Panzer ausgeschaltet hatte, erhielt er nach dem Krieg die Tapferkeitsmedaille.

1995 wurde das »Yad Layeled Children’s Memorial« eingeweiht, um der jüdischen Kinder zu gedenken, die während der Nazi-Barbarei ums Leben kamen.

»Meine Mutter war jahrelang im Museum aktiv«, bekräftigt er. »Die Aufklärung des Holocaust war ihr wichtig, um Unwissenheit und Leugnung zu bekämpfen. Sie sammelte verschiedene Ausstellungsstücke aus der Zeit des jüdischen Widerstands, die sich heute im Museum befinden.«

Dort ist auch eine Sammlung mit künstlerischen Zeugnissen vom jüdischen Leben in Osteuropa, ein Modell des Vernichtungslagers Treblinka zu sehen sowie die Glaszelle, in der Adolf Eichmann bei seinem Prozess saß.

kinder 1995 wurde das »Yad Layeled Children’s Memorial« eingeweiht, um der jüdischen Kinder zu gedenken, die während der Nazi-Barbarei ums Leben kamen. Ziel ist es, die Besucher mit der damaligen Welt der Kinder vertraut zu machen und einen Ort zu schaffen, an dem sie das Thema Holocaust auf altersgerechte Weise erkunden können.

Der Kibbuz wurde inzwischen weitgehend privatisiert. Seine Haupteinkommensquelle ist heute »Tivall«, ein Unternehmen, das vegetarische Fleischersatzprodukte herstellt. Für die Zuckerman-Schwestern ist das »Ghetto Fighters’ House« trotzdem das Aushängeschild ihres Ortes. Sie weisen dabei auf das weltweite Anwachsen von Fremdenfeindlichkeit, die Bedrohung von Freiheit und Demokratie und Holocaust-Leugnung in sozialen Medien hin: »Die Lehre der Schoa ist eine Warnung für die ganze Welt.«

Der Kibbuz Lohamei Hagetaot ging von Beginn an, im Geiste seiner Gründerväter, mit gutem Beispiel voran.

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