Israel

Ex-Geisel Eli Sharabi: »Ich rede über alles«

Sein ausgemergeltes Gesicht bei der Freilassung aus der Geiselhaft in Gaza am 8. Februar hatte Schockwellen durch Israel geschickt. 491 Tage lang war der Familienvater Eli Sharabi Gefangener der Hamas. Beim Überfall auf den Kibbuz Be’eri, wo er mit seiner Frau und seinen zwei Töchter lebte, wurde er von seiner Familie getrennt. Sharabi wusste nicht, dass die Terroristen sie ermordeten, während er selbst nach Gaza verschleppt wurde. Auch sein Bruder Yossi wurde entführt, er war Ende 2023 in Gaza umgebracht worden.

Nun hat Sharabi sich das erste Mal nach seiner Freilassung an die Öffentlichkeit gewandt. In dem in Israel mit Spannung und Mitgefühl erwarteten Interview in der Sendung »Uwda« auf Channel 12 sagte der 52-Jährige: »Ich rede über alles. Über den Verlust, die Gefangenschaft - was immer die Leute wollen.« Er habe allen - Familie, medizinischem Personal und Freunden - von Anfang an gesagt: »Lauft nicht wie auf Eierschalen um mich herum.« Es sei wichtig, dass er seine Erfahrungen offenlege, sagte er in dem Gespräch mit der renommierten Journalistin Ilana Dayan.

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Die meiste Zeit habe man ihn in den unterirdischen Tunneln der Hamas festgehalten, berichtete der immer noch sehr schmale Sharabi. »Man befindet sich 50 Meter unter der Erde. Die sanitären Bedingungen sind schrecklich. Man duscht einmal im Monat mit einer Flasche Wasser, vielleicht einem halben Eimer kaltem Wasser.« Außerdem sei er ständig angekettet gewesen. »Die Ketten an meinen Beinen haben mich vom Tag meiner Ankunft in Gaza bis zum letzten Tag nie verlassen. Einige Leute waren nur einen Teil der Zeit gefesselt. Aber ich war ein Jahr und vier Monate lang angekettet, mit dicken, schweren Schlössern, die mir ins Fleisch schnitten.«

Bei der Ankunft in Gaza sei er von einem wütenden Mob »fast gelyncht« worden. Die ersten zwei Monate habe man ihn noch in einer Wohnung festgehalten, doch dann nur noch in Tunneln, wo er auch anderen Gefangenen begegnet sei, darunter Or Levy, Eliya Cohen und Alon Ohel. Ohel sei der letzte dort unten, sagt er erschauernd. Zu viert hätten sie sich gegenseitig Kraft geben können, »aber allein ...?«.

Später habe er auch Geiseln getroffen, die bald darauf von der Hamas ermordet wurden: Hersh Goldberg-Polin, Ori Danino und Almog Sarusi. Zwar habe er nur drei Tage mit ihnen verbracht, doch sei es für ihn so gewesen, als habe er sie schon sein ganzes Leben lang gekannt, schildert er. Als sie weggebracht wurden, sei er davon ausgegangen, dass man sie freilassen würde.

»Ich werde zurückkommen«

Sharabi beschreibt auch, wie er bei dem Überfall am 7. Oktober von seiner Frau Leanne und seinen Töchtern Noya und Yahel getrennt wurde. »Die Szene war einfach furchtbar, eine Angst, die unvorstellbar ist. Zehn Terroristen im Haus - zwei packen mich, zwei packen die Mädchen und stehen mit ihnen in der Küche. Die ganze Zeit über sagt Leanne zu ihnen: ›Britischer Pass‹, weil sie denkt, das würde sie schützen«.

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Ihm sei die ganze Zeit klar gewesen, dass die Terroristen ihn mitnehmen würden, sagte er mit klarem Blick. »Ich schrie meinen Töchtern zu: ‹Ich komme zurück!‹ Von diesem Augenblick an ging ich in den Überlebensmodus. ‹Egal, was jetzt mit mir passiert, egal, was sie mir antun, ich komme zurück.‹ Ich werde nie den Ausdruck in ihren Augen vergessen, wie verängstigt sie waren. Ich hoffe nur, dass sie nicht leiden mussten.« Erst nach seiner Freilassung hatte Sharabi erfahren, dass seine Frau und seine Töchter an diesem Tag ermordet worden waren.

Auch die Nachricht vom Tod seines Bruders Yossi habe sich angefühlt, als falle ihm »ein fünf Kilo schwerer Hammer auf den Kopf«, so Sharabi weiter. Hamas-Schergen hätten ihn terrorisiert und erzählt, dass sein Bruder tot sei, da habe er es nicht geglaubt.

Träume von Obst und Wasser

In Gefangenschaft habe er davon geträumt, wie es wohl wäre, wieder Obst zu essen und Wasser zu trinken. »Davon träumst du jeden Tag. Die Schläge sind dir egal, selbst wenn sie dir die Rippen brechen. Mir war alles egal. Hauptsache, man gibt mir ein halbes Fladenbrot zu essen.« Manchmal habe es nur sehr spärliche Rationen zu essen gegeben. Ein Grund dafür sei wohl gewesen, dass die israelische Regierung eine harte Haltung an den Tag gelegt habe, was die Wächter an den Geiseln ausließen. Man habe an deren Verhalten immer erkennen können, was gerade in den Nachrichten passierte, so Sharabi. »Sie kamen zu uns und sagten: ›Eure Regierung gibt unseren Gefangenen nichts zu essen, also werdet ihr auch nichts essen. Sie schlagen unsere Gefangenen, also werden wir euch schlagen. Sie lassen sie nicht duschen, also werdet ihr auch nicht duschen.‹«

Über den Hunger sagte er: »Du merkst, wie dein Magen nach innen sinkt. Irgendwann kannst du nicht mehr glauben, was mit deinem eigenen Körper passiert. In den schlimmsten Zeiten haben wir einmal am Tag gegessen - eine Schüssel Nudeln, das sind vielleicht 250, 300 Kalorien«.

<em>Eli Sharabi mit seiner Mutter und seiner Schwester</em>Foto: IDF Spokesperson

Er sei aber nicht bitter oder wütend über sein Schicksal, sagte der hagere Mann entschlossen. »Ich bin glücklich. Glücklich, dass ich Lianne 30 Jahre lang hatte. Glücklich, dass ich diese großartigen Töchter so viele Jahre lang hatte. Glücklich, dass sie mich nicht getötet haben. Glücklich, dass ich nach 16 Monaten zu meiner Familie zurückkehren konnte. Ich bin glücklich«.

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