Terror

100 Tage Hölle

Regentropfen mischten sich mit Tränen, Wut mit unendlicher Trauer. In einem kleinen Käfig aus Maschendraht bewegte sich eine Tänzerin zu den Rhythmen des Sängers Harel Skaat, der mit seiner sanften Stimme auf der Bühne mitten ins Herz traf. Ein düsterer, schwerer Himmel legte sich über die mehr als 300.000 Demons­trierenden, die den Angehörigen der Geiseln in Gaza 24 bedrückende Stunden lang ihre Solidarität und ihr Mitgefühl bewiesen. Bei der längsten Kundgebung in der Geschichte Israels beklagten die Menschen auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv 100 Tage, die sich ihre Landsleute in der Gewalt der Hamas befinden. 100 Tage der Hölle.

Die Botschaft der Demonstrierenden war klar: »Als Gesellschaft fordern wir das Sicherheitskabinett auf, jeder Vereinbarung zuzustimmen, die zu ihrer Freilassung führt.« Sie mahnten die Regierung, alles zu tun, um den gebrochenen Bund zwischen den Bürgern und der Regierung zu reparieren und das Vertrauen wiederherzustellen. »Bringt alle Geiseln lebend zurück, und zwar sofort!«, skandierten sie. »Ach’schaw – ach’schaw!«

Noch immer befinden sich nach Angaben der Sicherheitskräfte 134 Männer, Frauen und zwei Kinder in der Gewalt der Hamas. Wie viele von ihnen noch am Leben sind, ist ungewiss. Einer der verzweifeltesten Aufrufe kam von Liora Argamani. »Ich bin die Mutter von Noa, die am 7. Oktober zusammen mit ihrem Freund Avinatan entführt wurde. Noa wird seit 100 Tagen von der Hamas gefangen gehalten, und ich verstehe nicht, wie das sein kann, wieso sie immer noch dort ist«, so die Mutter. »Ich hoffe, dass ich sie noch vor meinem letzten Tag wiedersehen kann.« Liora Argamani leidet an Krebs im fortgeschrittenen Stadium und sitzt im Rollstuhl.

Ein Symbol des »Schwarzen Schabbat«

Die 26-jährige Noa wurde vom Nova-Festival gekidnappt. Ein Video, das zeigt, wie sie auf einem Motorrad von Hamas-Terroristen verschleppt wird, wurde zu einem Symbol des »Schwarzen Schabbat«. Mehr als drei Monate lang wussten ihre Eltern nicht, ob die junge Frau noch lebt. Dann am Sonntag endlich ein Lebenszeichen – wenn auch ein unendlich grausames: Sie tauchte in einem Propagandavideo der Hamas auf. Auch zwei Männer wurden vorgeführt: Yossi Sharabi (53) und Itay Svirsky (38). Der 37-sekündige Clip endet mit einem Text: »Morgen werden wir über ihr Schicksal informieren.«

Am Tag darauf dann ein weiteres Video, in dem die Terrororganisation behauptete, die beiden Männer seien bei israelischen Luftangriffen getötet worden. Die Armee wies dies zurück. »Das ist eine Lüge der Hamas«, so Militärsprecher Daniel Hagari. Das Gebäude, in dem die Geiseln festgehalten wurden, sei kein Ziel gewesen. Allerdings räumte er ein: »Im Nachhinein wissen wir, dass Ziele in der Nähe des Aufenthaltsortes der Geiseln ins Visier genommen wurden.« Am Dienstag dann die traurige Gewissheit: Der Kibbuz Be’eri, aus dem die Männer stammten, bestätigte, dass Sharabi und Svirsky in der Geiselhaft gestorben seien.

Familien und Freunde sind völlig verzweifelt, wissen nicht mehr ein noch aus, können nicht mehr weiter. So beschreibt es eine Angehörige, die ein Schild »Free the hostages« hochhält. »Es ist kein Leben mehr.« Auch Oppositionsführer Yair Lapid sprach am Sonntagabend auf der Kundgebung. »Jeden Tag wird mir dieselbe Frage gestellt: ›Tut Israel genug, um die Geiseln zu befreien?‹ Die Antwort ist: Nein.« Der israelische Bund sei zerbrochen, und es gebe nur eine Möglichkeit, ihn wiederherzustellen: sie zurückzubringen. »Wir können Sinwar auch im Februar töten, wir werden ihn ohnehin töten. Doch jetzt müssen wir die Geiseln nach Hause bringen!«

»Sie haben eine junge Soldatin gefoltert – direkt neben mir.«

Aviva Siegal

Doch wie, das ist die Frage. Das Kriegskabinett ist mitnichten einer Meinung in Sachen Geiseldeal. Premierminister Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Yoav Gallant argumentieren, dass nur anhaltender militärischer Druck auf die Hamas zu einem weiteren Abkommen führen werde. Dagegen plädieren die beiden Minister der Nationalen Einheitspartei, Benny Gantz und Gadi Eizenkot, dafür, auch »out of the box«-Ideen in Betracht zu ziehen. »Israel muss alles tun, um die Freilassung der Geiseln zu erreichen, weil ihr Leben in akuter Gefahr ist«, sagen sie.

Derweil dauern Gespräche zwischen Hamas und Israel durch die Vermittlung von Ägypten und Katar weiter an. Es heißt, dass die Terrororganisation ein Abkommen nutzen will, um die Kämpfe in Gaza zu beenden, während Israel ein relativ begrenztes humanitäres Abkommen verlange, das nicht unbedingt alle Geiseln einschließe, und nach dem der Krieg wiederaufgenommen würde.

Angeblich hätten Katar und Ägypten mehrere Vorschläge vorgelegt, die einen Prozess zur schrittweisen Freilassung der Geiseln im Laufe mehrerer Wochen beinhalten. Während dieser Zeit solle eine neue Regierung für Gaza gebildet werden, und am Ende würde ein vollständiger Waffenstillstand in Kraft treten.

Medikamente für die Geiseln

Unterdessen teilte die französische Botschaft in Israel mit, dass Frankreich und Katar zusammenarbeiteten, um die Geiseln mit Medikamenten zu versorgen. Das Forum der Familien von Geiseln und Vermissten habe den Kontakt aufgenommen, so die Botschaft, und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sei daran beteiligt. Es heißt, Medikamente für 45 Gekidnappte seien am Mittwoch in Ägypten angekommen. Gaza hätten sie aber noch nicht erreicht.

Zehn Tage vor der 100-Tage-Kundgebung sprach Aviva Siegal, eine israelische Geisel, die aus der Geiselhaft befreit wurde, vor der Knesset und teilte schreckliche Details. Ihr Ehemann Keith ist weiterhin in Gaza. Sie könne bezeugen, dass während ihrer Gefangenschaft weibliche Geiseln verletzt wurden. »Ich sah eines der Mädchen von der Toilette zurückkommen, völlig aufgelöst. Ich stand auf und umarmte sie«, berichtete Siegal. »Doch er sagte, das sei nicht erlaubt. Dieser Hurensohn begrapschte sie und ließ sie mich nicht einmal beruhigen.« Ein anderes Mal habe sie dabei zusehen müssen, wie die Terroristen Gräueltaten an einer jungen Soldatin verübten. »Sie wurde gefoltert – direkt neben mir. Ich habe es miterlebt.«

Vier junge Soldatinnen befinden sich weiterhin in der Gewalt der Terroristen. Sie wurden aus dem Armeestützpunkt Nahal Oz verschleppt: Karina Ariev, Agam Berger sowie Daniela Gilboa, alle drei 19 Jahre alt, und Liri Albag, 18. Auch Danielas Mutter Orli Gilboa sprach vor einigen Tagen vor der Knesset. »Stellen Sie sich vor, es wäre Ihre Tochter, Ihr kleines Mädchen, in deren Händen.« Man wisse mittlerweile genau, was die Hamas-Terroristen am 7. Oktober getan haben, so die Mutter der 19-Jährigen. »Und wenn sie zu so etwas in der Lage sind – was werden sie dann wohl 90 Tage lang tun …«

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