In der beschaulich-grünen Ringstraße in Lichterfelde-West unterhält Boris Ronis, Rabbiner und Versicherungsexperte, sein berufliches Hauptquartier. Der freundlich-aufgeschlossene Mittdreißiger mit jugendlichem Gesicht und modischer Brille ist öffentlichen Trubel gewohnt, serviert Espresso, witzelt auf Berlinerisch und beantwortet doch jede Frage mit höchster Konzentration. Im Hintergrund surren zwei Computer, ab und zu klingelt das Handy. Es ist 20.30 Uhr, und für Boris Ronis ist der Arbeitstag noch lange nicht zu Ende.
Ausbildung In seinem modernen Parterrebüro, das er sich mit Kollegen von der Berliner Feuersozietät teilt, wird er später noch eine Mitteilung für die kommende Woche schreiben. Tagsüber beantwortet Ronis hier nicht nur sämtliche Fragen zum privaten Versicherungsschutz, hier verdient er den Hauptanteil seines Lebensunterhaltes, denn nach seiner Schulzeit absolvierte er eine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten.
Anders als die mit ihm zusammen im Vorjahr ordinierten Reformrabbiner Konstantin Pal und Alina Treiger, hat der junge Mann keine Festanstellung in einer Jüdischen Gemeinde angenommen. Vielmehr lebt er einen anstrengenden Spagat zwischen freier Wirtschaft und Synagoge. Unglücklich sei er darüber nicht, sagt Ronis. Beides berge spannende Aufgaben und Herausforderungen, nur sei die eigene Freizeit eben umso knapper bemessen.
Sein Freund Konstantin Pal ist nach Thüringen gegangen, Alina Treiger nach Oldenburg. Boris blieb an der Spree – trotz der vergleichsweise hohen Rabbinerdichte – und dafür scheint er gute Gründe zu haben. »Berlin ist die schönste Stadt der Welt«, sagt er. »Wer will hier schon weg?«, schwärmt Ronis, der einer ukrainisch-jüdischen Familie aus Czernowitz entstammt, der noch vor dem Mauerfall die Emigration in den Westen glückte.
»Damals war ich vier Jahre alt«, sagt der junge Mann. »Die Erinnerungen sind eher vage, und ich fühle mich heute in Deutschland sehr zu Hause.« Vorteilhaft erweist sich gleichwohl, dass Ronis fließend Russisch spricht und dies in der Gemeindearbeit – je nach Lokalität und Publikum – auch zielgerichtet einsetzt.
Als ein im Abraham-Geiger-Kolleg ausgebildeter Reformrabbiner leitet er nun regelmäßig Gottesdienste in den Synagogen Pestalozzistraße, Rykestraße und am Fraenkelufer – ein Zickzack, der Abwechslung verschafft, aber auch viel Flexibilität verlangt. »In der einen Synagoge musst du mehr auf die Gabbaim eingehen, in der anderen mehr auf die Beter, und in der dritten dreht sich fast alles um die Predigt. Das ist abwechslungsreich. Langweilig wird es da nie«, sagt Ronis lächelnd.
Alternative Auch im sächsischen Chemnitz hat er schon ausgeholfen. Doch dort blieb es bei sporadischen Ausflügen. Ronis versteht sich eher als Honorar- denn als Wanderrabbiner, doch er zollt den etablierten Berufsreisenden einen hohen Respekt. Deutschland habe mittlerweile fast 110 jüdische Gemeinden, aber nur eine Minderheit davon kann sich einen fest angestellten Rabbiner finanziell leisten.
Der Wanderrabbiner wird zur ernsthaften Alternative, aber der muss sich ständig auf neue Situationen einstellen, muss belastbar und flexibel sein, meint Ronis. Außerdem haben sich die Erwartungshaltungen an die Rabbiner von heute deutlich verändert. Man wünscht sich Begleiter, Psychologen und Lehrer in einem. Ein Job zum Entspannen sei das definitiv nicht.
Ronis kombiniert seine beiden Jobs so effizient es eben geht. »Im Büro wie in der Synagoge habe ich viele interessante und zugleich anspruchsvolle Gespräche zu führen. Man muss ein Gespür für die Leute und die jeweiligen Situationen entwickeln, aber daneben gibt es auch viele administrative Aufgaben. Manchmal reibt einen der Alltag ein Stück auf, und dann bleibt weniger Zeit für Visionen.
analyse Gern würde ich mich viel mehr mit Ideen und Konzepten beschäftigen, wie man Juden in Berlin wieder verstärkt in die Synagogen holen kann.« Viele Juden seien desinteressiert, andere irgendwann mal ausgetreten, und da stelle sich akut die Frage: Warum eigentlich? Da müsste mal genauer hingeschaut werden, da bedürfe es analytischer Arbeit, meint Boris Ronis. »Aber wir haben keine Zeit zu verlieren, in jedem Fall brennt die Kinder- und Jugendarbeit unter den Nägeln.«
Schon seit seiner Studienzeit am Abraham-Geiger-Kolleg gibt Ronis in verschiedenen Berliner Synagogen Unterricht für Bar- und Batmizwa. Gern holt er sich hier Feedback und gelegentlich auch Ratschläge bei dem erfahrenen Rabbiner und Mentor Tuvia Ben Chorin, der überwiegend in der Synagoge Pestalozzistraße amtiert.
Andererseits begleitet Ronis in einzelnen Fällen auch schon Konvertiten zum Giur. »Keine Frage, die Interessenten sind in dieser Stadt da«, berichtet der junge Rabbiner. »Es bereitet mir Freude, Männer und Frauen beim Übertritt zum Judentum zu unterstützen. Aber auch hier ist ein größeres Engagement für mich noch eher Zukunftsmusik.«
Verlobte Religionsunterricht, Gottesdienste, Kundentermine, Postgraduierten-Seminare, Supervision und vieles mehr – im Terminkalender von Boris Ronis sind die weißen Flecken auf ein klägliches Minimum geschrumpft. Und dann ist da noch seine Verlobte Oksana, die tagsüber in der Gedenkstätte Berliner Mauer arbeitet und abends Ökonomie studiert – und ähnlich wie er wenig freie Zeit hat. »Wir sind glücklich über jeden freien gemeinsamen Abend«, schmunzelt Boris Ronis und schaut dabei für einen Moment noch etwas jugendlicher aus.