Die Synagoge Fraenkelufer soll wiederaufgebaut werden – diesem Antrag hatten die Abgeordneten der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg bereits im Dezember 2017 zugestimmt. Nun statteten die Mitglieder des Ausschusses für Kultur und Bildung der Synagoge einen Besuch ab, um die Beter kennenzulernen und sich von ihnen das Gotteshaus zeigen zu lassen. Ausschussvorsitzender Werner Heck (Grüne) hatte die Sitzung kurzerhand vom Rathaus in die Synagoge verlegt.
Unter den Besuchern war auch Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne). »Ich begrüße es sehr, dass Kreuzberg heute wieder ein Ort für ein lebendiges Judentum ist – und dass wir deshalb jetzt ein neues jüdisches Zentrum am Fraenkelufer planen«, sagte sie. Das passe zur kulturellen und religiösen Vielfalt Kreuzbergs. »Als Bezirk möchten wir dieses Vorhaben gerne unterstützen und freuen uns auf die konstruktive Zusammenarbeit mit den Beterinnen und Betern der Synagoge.«
Marie-Luise Körner (SPD) ist eines der ersten Ausschussmitglieder, die vor dem Gebäude ankommen. Sie ist gespannt auf die Beter. Vor allem die Synagoge interessiere sie – ebenso wie den Fraktionsvorsitzenden Sebastian Forck (SPD). »Wir wollen die Debatte auch in unsere Fraktion hineintragen und informieren«, meint Regine Sommer-Wetter (Die Linke).
aktivitäten Den Antrag auf Wiederaufbau der Synagoge hatte im Dezember Timur Husein (CDU) eingereicht. Er ist ein alter Bekannter der Beter und war bereits bei der 100-Jahr-Feier der Synagoge im September 2016 dabei. »Er rief mich vor der Sitzung an und sagte, dass ich dazukommen sollte, um das Projekt vorzustellen«, erinnert sich Nina Peretz vom Vorstand der Synagoge Fraenkelufer und dem Verein »Freunde der Synagoge Fraenkelufer«. Nun sollen die Pläne rund um den Wiederaufbau auf Ausschuss-Ebene in eine neue Runde gehen und weitergeführt werden.
Timur Husein wurde in Berlin geboren, lebt in Kreuzberg und ist Muslim. Somit gibt es bereits zwei Muslime, die sich für den Wiederaufbau einsetzen. Denn als »Vater der Idee«, wie Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Ende März bei einer Pressekonferenz zu den Wiederaufbau-Plänen sagte, gelte Raed Saleh. Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus hatte im vergangenen November angekündigt, die Synagoge am Fraenkelufer ausbauen zu wollen.
»Wir arbeiten hier alle ehrenamtlich, und wir sind eine schnell wachsende Gemeinde«, erklären Nina und Dekel Peretz vom Verein Freunde der Synagoge Fraenkelufer den Politikern. Neben Betern, die erst seit Kurzem ins Fraenkelufer kommen, gebe es auch solche in vierter Generation. Für die gemeinsamen Aktivitäten am Freitagabend und Samstagmorgen wie Lernen, Essen oder Feiern reiche der Platz jedoch nicht aus.
nachbarn Nach der Pressekonferenz Ende März gebe es »10.000 offene Fragen«, meint Nina Peretz. So stehe etwa das Finanzierungskonzept noch nicht; fraglich sei auch, ob und wie schnell die umliegenden Grundstücke der Gemeinde wieder zugesprochen werden können, sodass eine Bebauung möglich wird. »Viel Platz wäre super«, sagt Nina Peretz. Die Funktion des Hauses sollte ihrer Ansicht nach die architektonische Form bestimmen.
Auch eine jüdische Kita wünschen sich die Beter, denn in Kreuzberg gibt es bisher keine. »Das ist auch wichtig für den Bezirk«, gibt Nina Peretz zu bedenken. Ein jüdisches Café könne man sich ebenso vorstellen wie »einen richtigen Veranstaltungsraum«. Der sei dringend notwendig, denn es sollen auch Konzerte, Lesungen, Diskussionen und Theateraufführungen stattfinden. Schon jetzt lädt der Verein zu vielen Veranstaltungen ein. Vor allem aber sollen die erweiterten Räumlichkeiten ein Ort der Begegnung mit den Kreuzberger Nachbarn werden.
»Es war ein gelungener Auftakt für einen Austausch«, meint SPD-Politiker Sebastian Forck nach der Sitzung. Und dass der Platz bei diesen hohen Teilnehmerzahlen nicht ausreicht, sehe man. Ebenso sei ihm der Sanierungsbedarf der Synagoge aufgefallen. Vor allem die vielen Aktivitäten der Gemeinde und das Miteinander der Familien hätten sie beeindruckt, meint Forcks Parteikollegin Marie-Luise Körner. »Das ist klar, die Beter brauchen Unterstützung für einen Neubau, denn der Zuwachs wird ja auch immer größer.«