gelsenkirchen

Von der Peripherie ins Zentrum

von Tobias Ertmer

Die Altstadt von Gelsenkirchen ist nur dem Namen nach alt. Obwohl der Ort 1150 erstmals urkundlich erwähnt wurde, prägen heute moderne Zweckbauten das Straßenbild der Innenstadt – Bausünden der 60er Jahre. Ein Großteil der alten Bausubstanz wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, denn in der Stadt befanden sich etliche Stahl- und Rüstungsbetriebe.
Gelsenkirchen war Mitte des 19. Jahrhunderts zur Industriestadt geworden, nachdem man im Ruhrgebiet große Kohleflöze entdeckt hatte. In den vergangenen Jahrzehnten entwickelte sich mehr und mehr der Dienstleistungssektor zum prägenden Wirtschaftsfaktor der Stadt. Einige Innenstadtstraßen sind inzwischen verkehrsberuhigte Zonen. Rechts und links stehen Gebäude diverser Kaufhausketten – schön sehen sie nicht aus, aber sie sind funktional. Rund 400.000 Menschen leben heute in Gelsenkirchen.
Mitten in der Innenstadt, genau dort, wo bis 1938 die alte Synagoge stand, befindet sich das neue jüdische Gemeindezentrum. Gegenüber liegt das große Sparkassengebäude, an der anderen Seite eine Grundschule. Und in Sichtweite stehen die katholische Propsteikirche sowie die evangelische Altstadtkirche. Der »Platz der alten Synagoge«, so die offizielle Anschrift des Gemeindezentrums, ist ein lebendiger Ort.
»Wir wollen uns mit dem Neubau auch mehr nach außen öffnen«, sagt Judith Neuwald-Tasbach, treibende Kraft des mehrjährigen Projektes Gemeindezentrum. Im Gedächtnis der Gelsenkirchener Bevölkerung sei das zwischenzeitlich als Parkplatz genutzte Grundstück immer fest mit der jüdischen Bevölkerung verbunden gewesen, sagt die 47-Jährige.
1885 war an diesem Ort die erste Synagoge eröffnet worden, die in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde. Die Feuerwehr hatte damals tatenlos zugesehen, wie das Gotteshaus bis auf die Grundmauern abbrannte. An diese Nacht wurde in den vergangenen Jahren immer am 9. November erinnert – mit einem Gedenkmarsch, der am Platz der alten Synagoge endete.
Heute tobt rund um das neue Gebäude das Leben: Ein paar Straßen weiter, am Margarethe-Zingler-Platz, ist täglich Wochenmarkt. Ebenfalls fußläufig zu erreichen ist der Verwaltungssitz der Stadt Gelsenkirchen, das Hans-Sachs-Haus. Das marode, aber architektonisch hochinteressante Bauwerk soll einem neuen, modernen Verwaltungsgebäude weichen.
In der Innenstadt hat sich in den vergangenen Jahren manches verändert: Die Fußgängerzone, hauptsächlich geprägt durch die lange Bahnhofstraße, wurde verschönert: Blumenbeete neu bepflanzt, die Straßenbeleuchtung ausgetauscht, Wege zum Teil neu gepflastert. Die Fußball-Weltmeisterschaft – einige Spiele fanden in Gelsenkirchen statt – hat der Stadt ein neues Antlitz gegeben.
Auch der Hauptbahnhof, jahrelang ein Schandfleck der Gelsenkirchener Innenstadt, kann dem Vergleich mit anderen Ruhrgebietsstädten mittlerweile standhalten. Seine nach allen Seiten hin offene Gestaltung steht für das Selbstverständnis der Gelsenkirchener Bevölkerung – weltoffen und direkt.
Offen nach allen Seiten hin zeigt sich jetzt auch die Gelsenkirchener Synagoge: Vorbei sind die Zeiten, als sich jüdische Gemeinden eher versteckte Orte für ihre Bethäuser suchten. Das neue Gemeindezentrum zeichnen vor allem die große Glasfassade und lichtdurchflutete Räume aus. Und obwohl es vom Standort des alten Betsaals an der Peripherie bis zum neuen Gemeindezentrum nur wenige hundert Meter sind, brauchte es doch fast 70 Jahre, um an den historischen Platz und ins Herz der Gelsenkirchener Innenstadt zurückzufinden.

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