Gedenkstättenbau

»Siegreiche Posen sind überholt«

Herr Schlusche, Sie haben gerade ein Buch herausgegeben: »Architektur der Erinnerung«. Der Kritiker Jean-Louis Cohen nennt es einen »Baedeker der Vernichtung2. Hat er recht?
schlusche: Unser Buch führt weniger zu den Orten der Vernichtung, als zu den Orten des Gedenkens, zu den Orten der Gedenkkunst, obwohl das natürlich oft dasselbe ist. Es untersucht den «Stand der Kunst» beim Holocaust-Gedenken in Europa, sowohl von der künstlerischen wie von der inhaltlichen Seite an. Es kommen gleichermaßen Künstler und Kunstwissenschaftler zu Wort, es dient der Selbstdarstellung ebenso wie der Analyse. Aber, ja: Das Buch hat auch noch einen zweiten Anspruch, den des Gebrauchswerts. Es gibt im zweiten Teil einen steckbriefähnlichen Wegweiserteil zu 50 ausgewählten Holocaust-Gedenkorten in Europa.

Sie sagen «ausgewählt». Wie viele Gedenkstätten gibt es in Europa? Und wie viele davon berücksichtigen Sie?
schlusche: In der Datenbank, die die «Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas» erarbeitet hat, finden sich insgesamt etwa 500 Gedenkorte. Wir haben daraus fünfzig möglichst unterschiedliche Gedenkstätten genommen, die wir für die inte- ressantesten hielten. Dabei haben wir uns hauptsächlich auf die neueren Gedenkstätten der letzten zehn Jahre konzentriert, in Einzelfällen gehen wir aber auch bis in die 50er Jahre zurück.

Was unterscheidet einen Gedenkort vom anderen?
schlusche: Zunächst unterscheiden wir natürlich symbolische von authentischen Orten. Letztere liegen meist peripher, weil die Konzentrationslager ja oft versteckt lagen. Künstlerisch unterscheidet man zunächst einmal abstrakte und bildliche Gedenkstätten.

Wobei der Trend eher zu Ersteren geht, weg vom Objekt und hin zum Raum oder zur Fläche.
schlusche: Ja, der skulpturale Ansatz, der meist vom Körper des Menschen ausgeht, findet in letzter Zeit weniger Anhänger. Die modernen und spätmodernen «siegreichen Posen» vieler Mahnmale wirken überholt. Die kontextuellen Beiträge oder «site-specific sculptures» stehen heute höher im Kurs. Es gibt darüber hinaus auch ein neues Verständnis von Rekonstruktion. Unmittelbar nach dem Krieg hat man die übrig gebliebenen Baracken oder Einrichtungen der Lager oft abgerissen. Das ist zwar psychologisch verständlich, weil man froh war, endlich dieses schreckliche Erbe wenigstens physisch beseitigen zu können. Heute hat man nicht nur mehr Respekt vor dem verbliebenen Bestand, oft werden auch wieder räumliche Zusammenhänge erst durch einen künstlerischen Eingriff wieder sichtbar gemacht.

Nicht nur künstlerisch, auch pädagogisch wird stärker eingegriffen.
schlusche: Die Gedenkstättenpädagogik hat sich enorm entwickelt. Früher dachte man oft, dass «der Ort für sich spricht». Aber heute setzt man vermehrt auf moderne pädagogische Mittel, «um einen Ort zum Sprechen zu bringen». Der Ort der Information unter dem Holocaust-Mahnmal in Berlin ist das beste Beispiel für diese Herangehensweise.

Gibt es noch andere Trends?
schlusche: Ja: In den 50er Jahren haben die großen Namen der Kunst und Architektur das Thema Holocaust-Gedenken oft gemieden. Das ist heute total anders. Es gibt kaum noch einen prominenten Künstler oder Architekten, der sich nicht mindestens einmal in seiner Karriere intensiv mit einer Gedenkstätte auseinandersetzt.

Ein Grundproblem bei Schoa-Mahnmahlen ist die Gefahr der Über-Inszenierung, vielleicht sogar Verkitschung des Schreckens. Die beiden wichtigsten Gedenkstätten außerhalb Europas, das neue Museum in Yad Vashem in Jerusalem von Moshe Safdie und das Holocaust-Museum in Washington von James Ingo Freed, wurden deshalb heftig kritisiert.
schlusche: Speziell in Washington auf der Museumsmeile war man natürlich bemüht, einen Publikumsmagneten zu gestalten. Nichts wäre peinlicher gewesen, als wenn alle Museen entlang der Mall proppenvoll wären und nur das Holocaust-Center gähnend leer. Aber in In Deutschland und Europa, wo der Massenmord stattgefunden hat, ist die Gefahr der Musealisierung nicht so groß wie in der Neuen Welt. Hier herrscht eigentlich eine grundsätzliche Zurückhaltung gegenüber der Musealisierung des Terrors.

Der politische Kontext war und ist auch jeweils ein anderer.
schlusche: Die Erinnerungskultur wird natürlich auch oft zur Rechtfertigung aktueller Politik benutzt. In den USA begann das schon in den frühen 80er Jahren noch unter Präsident Jimmy Carter. In Polen und Frankreich hingegen war das Holocaust-Gedenken oft ein wunder Punkt, weil er das Eingeständnis der massiven Kollaboration voraussetzte. Auch in Deutschland spielt natürlich die Politik eine große Rolle bei der Gedenkkultur: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin war aber wohl weniger eine gezielte (tages-)politische Aussage. Sein Bau hat zuallererst mit dem Umzug der Regierung von Bonn in die neue Hauptstadt Berlin zu tun.

Für einen Trend in der Erinnerungskultur stehen Sie sozusagen persönlich. Sie waren bis Ende 2005 für die «Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas» tätig. Jetzt arbeiten Sie für die «Gedenkstätte Berliner Mauer». Ist ihre Biografie symptomatisch? Geht die gedenkende Aufmerksamkeit langsam vom Holocaust zur Nachkriegszeit über?
schlusche: Die Kriegs- und die Nachkriegszeit werden mit steigendem zeitlichem Abstand stärker zusammengelesen. Bei den ehemaligen Konzentrationslagern gibt es ja oft genug auch handfeste Weiternutzungen im Sozialismus. 1945 war allzu oft keine Zäsur – nehmen Sie das Lager in Sachsenhausen etwa. Das Gedenken weitet sich oft vom Gedenken an den Nationalsozialismus an das Gedenken an Totalitarismus allgemein, obwohl beide nicht auf eine Stufe gestellt gehören.

Wo wird die deutsche Holocaust-Gedenkkultur in 10, 20 oder 50 Jahren stehen, wenn es keine überlebenden Täter oder Opfer mehr gibt?
schlusche: Ich denke, sie bleibt künstlerisch vital. Dokumentation und Information werden immer wichtiger, je weniger originale Substanz erhalten bleibt.

Das Gespräch führte Ulf Meyer.

günter schlusche (hrsg.):
architektur der erinnerung
Nicolai, Berlin 2006, 156 S., 165 Abb, 19.90€

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Desinformation

Was steckt hinter dem International Burke Institute?

Die KI-Firma OpenAI hat nach eigenen Angaben eine verdeckte russische Beeinflussungskampagne aufgedeckt, die sich als israelisch inszeniert haben soll

 26.08.2026

Würdigung

Hamburg ehrt Esther Bejarano und Jina Mahsa Amini

In der Hansestadt gibt es künftig eine Esther-Bejarano-Straße und einen Jina-Mahsa-Amini-Park

 24.08.2026

Nahost

Israel soll Militärflugplatz in Nordsyrien attackiert haben

Israel hat seit dem Umsturz wiederholt auch Ziele in Syrien ins Visier genommen. Nun wird ein erneuter Angriff gemeldet. Der US-Sondergesandte für Syrien übt deutliche Kritik

 18.08.2026

Vandalismus

Deportationsmahnmal in Berlin beschmiert

Das Denkmal an der Putlitzbrücke soll an die über 30.000 Juden erinnern, die zu NS-Zeiten vom benachbarten Moabiter Güterbahnhof aus in Konzentrationslager deportiert wurden

 18.08.2026

Sachsen-Anhalt

Gericht: AfD-Mitgliedern kann Waffenbesitzkarte entzogen werden

Mitglieder und Unterstützer der AfD in Sachsen-Anhalt haben gegen den Entzug ihrer Waffenbesitzkarte geklagt. Das Verwaltungsgericht Magdeburg wies die Klage ab. Nun entschied das Oberverwaltungsgericht.

 10.08.2026