Tom Bschor

»Religion kann schützen«

»Religion kann schützen«

Herr Bschor, nach dem Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke wird viel über das Thema Depression gesprochen (vgl. S. 11 und 21). Wie beurteilen Sie die Debatte?
Es ist einerseits gut, wenn offen über das Problem psychischer Erkrankungen diskutiert wird. Zu viele Menschen haben immer noch Hemmungen, Hilfe zu suchen. Und es kann wirklich jeden treffen, eben auch Erfolgssportler, die über ein positives Image verfügen. Andererseits wissen wir nur allzu gut, dass es Nachahmertaten gibt, wenn ausführlich über einen Suizid berichtet wird.

In den USA gibt es Statistiken, nach denen Depressionen bei Juden auffallend häufig vorkommen. Haben wir Erkenntnisse über die Situation in Deutschland?
Nein. Bei Krankheitsstatistiken wird die Religion in der Regel nicht erfasst. Dennoch ist bekannt, dass Minderheiten ein höheres Risiko tragen. Je stärker sie sich als Minderheit wahrnehmen und von außen auch so behandelt werden, umso eher kann dieses Phänomen auftreten.

Welche Rolle spielt dabei die Erfahrung der Migration?
Sie bringt ein deutlich erhöhtes Depressionsrisiko mit sich. Vor allem der soziale Abstieg ist dabei zu nennen, weil er den Selbstwert der Zuwanderer im Kern betrifft. Und das ist ja eine zentrale Symptomatik der Depression.

Wann wird Traurigkeit zur Depression?
Es gibt drei Aspekte. Der eine ist die Dauer: Wenn die Traurigkeit länger als zwei Wochen anhält, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass der Zustand eventuell behandlungsbedürftig ist. Der andere ist die Beeinträchtigung des alltäglichen Lebens. Wenn jemand nicht mehr zur Arbeit gehen oder sich nicht mehr um die Familie kümmern kann, dann ist das ein Alarmzeichen. Hinzu kommt als dritter Aspekt, dass es Selbstmordgedanken gibt.

Neigen religiöse Menschen weniger zu De-
pressionen?
Zu dieser Frage liegen einschlägige Studien vor: Menschen mit einer engen religiösen Bindung haben einen gewissen Schutz vor Depressionen, noch stärker aber vor Suiziden.

Was halten Sie von rabbinischen Aussagen, dass die Depression entsteht, wenn man zu viel über sich selbst nachdenkt. Das richtige Rezept seien Mizwot, gute Taten für andere.
Das kann ich nachvollziehen, nur muss man aufpassen, dass man die Symptomatik nicht mit der Ursache verwechselt. Die Depression führt krankheitsbedingt dazu, dass man auf sich selbst zurückgeworfen wird. Typische Symptome sind der Verlust des Interesses an anderen Menschen. Die Fähigkeit zur Empathie geht verloren, die Gedanken kreisen grübelnd und negativ nur noch um die eigenen Sorgen. Allerdings würde ein Depressiver überfordert, wenn man ihn dazu ermunterte, an andere Menschen zu denken. Insofern bin ich da aus medizinischer Sicht vorsichtig.

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026

Diplomatie

»25 Gründe, warum ich Israel vermisse«

Der deutsche Botschafter Steffen Seibert verlässt in wenigen Tagen nach vier Jahren das Land und kehrt zurück nach Berlin

von Sabine Brandes  30.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026