Jüdische Identität

Pro Reli

von Michael Brenner

Versucht man einem Amerikaner zu erklären, dass staatliche Schulen in großen Teilen Deutschlands Religion als Unterrichtsfach haben, schüttelt der ungläubig den Kopf. Sagt man ihm dann noch, dass nur Angehörige der betreffenden Konfession am Unterricht teilnehmen, kommt er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und wenn man ihm dann noch erläutert, dass dieser Unterricht benotet wird, verweist er empört darauf, dass Religion Privatsache sei und daher bestenfalls an private Schulen gehöre. In der Tat kennen die meisten westlichen Länder eine strengere Trennung von Staat und Religion als dies in Deutschland der Fall ist. Das Konzept des Religionsunterrichts als Schulfach ist ihnen ebenso fremd wie die Kirchensteuer. Dort stellt sich gar nicht wie derzeit in Berlin die Frage, ob man »Pro-Reli« oder »Anti-Reli« in der Schule ist.
In Deutschland dagegen haben die Bundesländer Bildungshoheit und diskutieren heftig über die besten Wege der Vermittlung von Religion. Manches spricht für ein allgemeines Fach Religionskunde, in dem Schüler ohne Rücksicht auf ihre Konfession über alle Glaubensrichtungen etwas lernen. Auf diese Weise vermittelt sich Wissen über andere Kulturen, und das soll ja auch die Toleranz fördern.
Eine solche »tolerante« Position lässt sich leicht von der Warte einer christlichen Mehrheitsgesellschaft aus formulieren, die darüber hinaus über andere Religionen informieren möchte. Für Minderheiten stellt dieser Weg aber ein Dilemma dar. Jüdische Schüler wissen auch ohne Religionskunde ganz gut darüber Bescheid, wie man Ostern und Weihnachten feiert, und erhalten – oft unbewusst – selbst an konfessionsübergreifenden Schulen »christliche« Werte vermittelt.
Der jüdische Religionsunterricht dagegen bietet für viele die einzige Möglichkeit, jüdisches Wissen zu erhalten, die Grundzüge der hebräischen Sprache zu erlernen und die Identität zu stärken. Insbesondere in einer Situation, in der die Mehrheit der jüdischen Schüler keine Eltern hat, die selbst solche Inhalte weitergeben können, kommt dem Religionsunterricht eine zentrale Funktion in der Frage zu, ob es in Deutschland auch in der nächsten und übernächsten Generation noch jüdisches Leben geben wird. Wo sonst soll es denn herkommen? In zwei Stunden pro Woche kann man zwar nur sehr begrenzt Wissen weitergeben. Doch das ist besser als gar nichts. Letztlich ist ja jedem Schüler freigestellt, ob er dieses Angebot wahrnimmt oder nicht. Zur Teilnahme am Religionsunterricht darf niemand gezwungen werden. Selbstverständlich muss eine Alternative, etwa in Form von Ethikunterricht, er- halten bleiben.
Jeder in Deutschland aufgewachsene Jude hat seine eigenen Erfahrungen mit dem Religionsunterricht gemacht, viele von uns nicht die besten, mit fachfremd ausgebildeten Religionslehrern, die kaum Deutsch beherrschten und sich in die Situation unserer Gemeinden nicht hineindenken konnten. Wer erinnert sich nicht daran, wie Jahr für Jahr vor den Feiertagen das Gleiche gelehrt wurde, die Noten oft nur für die regelmäßige Anwesenheit erteilt wurden und »Lehrplan« ein Fremdwort war? Zum Glück hat sich dies vielerorts geändert: Die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg bringt seit Jahren entsprechend ausgebildete Religionslehrer hervor. Die meisten Gemeinden haben heute eine professionellere Einstellung zur Vermittlung jüdischer Religion. Und es gibt verbindliche Curricula für das Fach.
Meinen eigenen Religionsunterricht möchte ich nicht missen. Haben wir viel gelernt? Nicht wirklich, hatten wir doch einen Wanderlehrer, der täglich von einer kleinen Gemeinde zur anderen reiste, an jedem Ort eine Klasse von vier bis fünf Schülern der unterschiedlichsten Altersgruppen unterrichtete und von moderner Pädagogik nicht viel Ahnung hatte. Er beharrte darauf, dass man in Deutschland als Jude ohnehin nicht leben könne und dass bei zwei Wochenstunden kaum etwas herauskommen könne, wenn man das Erlernte nicht im Elternhaus lebte. Dennoch erscheint mir im Rückblick dieser Unterricht mit vielen existenziellen Diskussionen über Glauben und Glaubenszweifel, über jüdische Existenz in Deutschland und über Israel wichtiger und für die Persönlichkeit prägender als das geballte Wissen, das in manch anderen Fächern gelehrt wurde. Denn die Toleranz im Umgang mit den anderen setzt Wissen um das Eigene voraus.

Der Autor ist Professor für Jüdische Geschichte an der Universität München.

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