Kinderführung in Erfurter Synagoge

Mit Fridel auf Spurensuche

»Ach, ihr habt keinen Koffer dabei? Kein Gepäck?« Franziska Bracharz zieht die Augenbrauen hoch und lacht ihren kleinen Gästen freundlich zu. »Na, dann nehmen wir eben meinen!« Denn wer auf Reisen gehen will, braucht einen Koffer, erklärt die sympathische Frau mit dem schwarzen Kleopatra-Haarschnitt.
Die 29-Jährige ist eine etwas andere Stadtführerin. An diesem Tag will sie Kindern der 3. und 4.Klasse die jüdische Ge-
schichte der Stadt Erfurt näherbringen. Auf dem Programm steht die Alte Synagoge mit ihren Schätzen und Geheimnissen.
»In dem Haus steckt viel Geschichte und in meinem Koffer sind viele Geschichten«, erzählt Bracharz weiter und lacht ihre jungen Gäste wieder an. Deren Herzen sind im Sturm erobert. Der geheimnisvolle Koffer leistet das Übrige. Das gute Stück, mehr als 100 Jahre alt, verbirgt in der robusten Me-
tallhülle mit blauem Stoff verkleidete Kästen, gefüllt mit Handpuppen, Duftstoffen, Gläschen, Edelsteinen und Lupen. Ein unentbehrliches Utensil für die imaginäre Reise in das jüdische Mittelalter.
»Was ist eine Bima?«, »Wo steht der Rabbiner?« und »Befindet sich der Toraschrein wirklich im Osten des Gebäudes?« Alle diese Fragen klärt Franziska Bracharz auf unterhaltsame Weise. Die Kinder öffnen einen Kompass, stellen die Nadel ein und tatsächlich, spätestens jetzt ist klar, der heute angedeutete Toraschrein stand wirklich da, wo die Himmelsrichtung Osten ist.
Für die Kinder wird die Schulstunde im mittelalterlichen Synagogengebäude zur Entdeckungsreise. »Wie brannte wohl diese Lampe?«, fragt Franziska Bracharz, holt ein Fläschchen Olivenöl aus dem Koffer und erklärt, wie die jüdischen Schabbat-Leuchter funktionierten, warum der Öl-
baum ein heiliger Baum ist und reicht da-
bei das Olivenöl durch die Reihen. Jeder soll schnuppern, um sich ein wenig vorstellen zu können, wie es früher in dem Raum gerochen haben könnte. Myrrhe und Mo-
schus, Duftstoffe des Mittelalters, werden ebenfalls als Riechproben gereicht. Dann bekommt jedes Kind eine Lupe, um die Details der Geheimnisse noch besser zu entdecken. Sie zeigt ihnen das kleine alte silberne Parfümfläschchen, in dem Wissenschaftler tatsächlich Moschus nachgewiesen haben.
Die Alte Synagoge in Erfurt ist seit Ok-
tober 2009 öffentlich zugänglich. Bislang gab es keine pädagogischen Angebote speziell für Kinder und Jugendliche. Die Führungen mit Franziska Bracharz, einer Freiberuflerin, die sich auf Kinderangebote spezialisiert hat, sind der Anfang.
Ihre Abenteuerreise führt sie eloquent durch die drei Etagen des Gebäudes. Sie zeigt, erklärt, fragt und holt immer wieder kleine Utensilien aus den schier endlosen Beständen ihres Koffers: Kleine Pergamentstückchen, eine Miniatur-Torarolle, einen Gebetsumhang, Glitzer- und Edelsteine und vor allem ihren Drachen Fridel. Er ist Maskottchen und Begleiter, einer, der gute Ratschläge gibt, ins Ohr flüstert, mit den Kindern redet und sich einmischt. »Warum wohl ein Drache?« Die Lösung zur Frage gibt es in der Etage mit den wertvollen Handschriften: Einige der hebräischen Bibeln besitzen filigrane Mikrografien. Es sind als Tiere dargestellte Wörter und Sätze. Wer genau hinschaut, findet dort auch kleine Drachen. Blanka Weber

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