weissensee

Millionen für die Grabpflege

Knapp drei Kilometer lang und drei Meter hoch ist diese Mauer, an der sich Mausoleen reihen, so weit das Auge reicht. Bäume sind aus den Grabstätten emporgewachsen. Efeu rankt sich um die kahlen Stämme, legt sich wie ein Meer über die Grabflächen im winterlichen Dunst. Die Sanie- rung zumindest einiger Teile dieses verwunschenen Ortes »ist nicht nur ein Zeichen für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft Berlins«, sagte die Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am vergangenen Donnerstagmorgen. »Ein Stück mehr deutsch-jüdische Realität, deutsch-jüdisches Miteinander«, so drückt es Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, aus.
Begleitet werden die beiden an diesem Tag von Denkmalpflegern und Journalis-ten. Es ist ein gewaltiges Stück Arbeit, davon können sich alle Anwesenden selbst ein Bild machen. Der jüdische Friedhof Weißensee ist mit einer Fläche von 42 Hektar und über 115.000 Gräbern der größte Europas. Allein die 1880 in Ziegelbauweise errichtete Umfriedungsmauer ist an vielen Stellen vom Einsturz bedroht. Oft fehlt die obere Abdeckung, wuchernde Pflanzen durchbrechen die Mauerkronen, tonnenschwere Marmorgiebel werden nur noch von Stützbalken gehalten.
Eine solche Sanierung kann nicht über Nacht geschehen. Nun werden zunächst 1000 Meter dieser Mauer bis Ende 2012 grundlegend saniert. Finanziert werden die Baumaßnamen zu gleichen Teilen von Bund und Land aus zwei Denkmalpflege-Programmen, die der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien zur Erhaltung von national wertvollem Kulturgut aufgelegt hat. Die Jüdische Gemeinde beteiligt sich ebenfalls an den Kosten. Insgesamt stehen rund 1,8 Millionen Euro zur Verfügung, heißt es.

Widerstandskämpfer Ein Rundgang zeigt, wie wichtig die Erhaltung dieses Kulturerbes ist. Licht fällt durch manch blauen Glasstein in der Decke einer Gruft auf Sarkophage. Aus der Grabstätte des jüdischen Widerstandskämpfers Herbert Baum ragt eine meterhohe Eiche. Der Schriftsteller Stefan Heym, der Journalist Theodor Wolff und der Verleger Rudolf Mosse sind hier begraben, man liest Namen wie Dreyfuss, Levy, Cohn auf steinernen Monolithen deutsch-jüdischer Geschichte. Beispielsweise auch Michel Holzmann, 1911, Leiter der Knabenschule der jüdischen Gemeinde. Oder Fritz Mecklenburg, gestorben 1917 in Flandern als Leutnant und Flugzeugführer. Auf dem Grabstein von Federico Phillippe, 1908, steht: »Bitterer Schmerz ist mein Erdensein, denn dein Leben war mein Sonnenschein.« Daneben liegt Cornelia Phillippe, 1922, begraben: »Schlaf wohl, ihr seid vereint«, ist auf ihrem Stein festgehalten worden.
Seit 1994 wurden insgesamt 40 Grabmäler sowie sämtliche Hinweisschilder restauriert, resümierte Berlins oberster Denkmalpfleger Klaus von Krosigk. Er zeigt, wel- chen »enormen Schädigungsgrad« einige der Grabmäler aufweisen und wie andere bereits mit neuen Marmorplatten und Goldinschriften versehen wurden. Man müsse, so Klaus von Korsigk, bei den zum Teil sehr aufwendig gestalteten Wandgrabmälern mit rund 30.000 Euro pro Grabsanierung rechnen. Aber: »Es macht Mut, wenn man sieht, wie schön es wieder wird.« Vor allem den wenigen noch vorhandenen Gittergrabstellen, eine Besonderheit des Friedhofs, gelte große Aufmerksamkeit. Die Mehrzahl dieser Grabmäler wurde früher zu Kanonen umgeschmolzen. Pro Jahr werden nun zehn der 440 Mauergrabstätten saniert, vor allem jene, die besonders vom Verfall bedroht sind.

Sponsoren Ziel ist es, dass der jüdische Friedhof Weißensee eines Tages von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wird. »Mit dieser Sanierung verbessern wir unsere Chancen dazu erheblich«, sagt Lala Süsskind. Ebenso hoffe man, für einzelne Gräber Gelder von Nachkommen und Sponsoren zu bekommen. Zudem werde die Erfassung der Grabstätten in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Berlin weiter vorangetrieben. »Allein alle umgestürzten Grabsteine wieder aufzustellen, würde Jahre dauern. Aber wir wollen wenigstens die Hauptwege und Plätze sichern«, sagt die Gartendenkmalspflegerin Gesine Sturm. Die Anwohner haben wie selbstverständlich ihre Gärten zur Verfügung gestellt – als Lagerplatz für die Mittel zur Sanierung der Außenmauer. Die ersten Ergebnisse der Baunmaßnahme sollen Ende des kommenden Jahres anlässlich einer internationalen Tagung des Landesdenkmalamtes und des Centrum Judaicum präsentiert werden.
Süsskind ist begeistert. »Ansprüche können wir gar nicht haben. Allein könnten wir das nie stemmen. Wenn Land und Bund sagen, wir machen hier etwas in dieser Größenordnung, dann finde ich das großartig. Und wir als jüdische Gemeinde sagen: Danke, danke, danke.«

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