Ronny Someck

»Meine Synagoge ist das Café Tamar«

Herr Someck, Sie kommen jeden Freitag ins Café Tamar auf der Sheinkin-Straße. Warum?
someck: Sehen Sie, früher sind die Leute unter anderem deswegen in die Synagoge gegangen, weil sie dort Bekannte treffen wollten. Und in einem gewissen Sinne übernahmen später die Kaffeehäuser diese Funktion. Cafés sind Zufluchtsorte. In einem Café bekommst du, was du nirgendwo anders bekommst. In diesem Sinne ist ein Café wie ein Bordell. Die Sheinkin-Straße ist die In-Straße von Tel Aviv, wo man die neueste Mode aus Paris, Berlin oder New York verkauft, und dann kommst du in dieses Café und plötzlich werden die Zeiger der Uhr für dich 20, 30 Jahre zurückgestellt. Hier hat sich nichts verändert! Du betrittst das Café und du weißt sofort: So etwas gibt es nur hier! Wie zum Beispiel die Klimaanlage! Das Tamar ist der einzige Ort in Tel Aviv, wo du im Sommer ein Jackett tragen musst und im Winter ein T-Shirt.
Das Tamar, das ist auch Sarah Stern, die das Café seit über 50 Jahren betreibt.
someck: Sarah ist für mich die Königin von Tel Aviv. Dabei kommt sie gar nicht aus Tel Aviv, sondern aus dem ersten Moschaw, aus Nahalal. Das beweist: Eine Königin muss nicht unbedingt dort geboren sein, wo sie regiert. Manchmal, habe ich den Eindruck, denkt Sarah, dass sie wieder in Nahalal ist und dass im Stall noch immer die Kühe stehen. Aber sie weiß sehr genau, wer ins Café kommt, was jeder denkt, warum jeder denkt, wie sie jeden Einzelnen zu nehmen hat, als wenn er der einzige Gast wäre.

Wer verkehrt alles im Tamar?
someck: Du kannst hier den Autor Yoram Kaniuk treffen, Shaul Biber vom Palmach, die Schauspieler Ascher Zarfati und Amos Lavi, den Sänger und Komponisten Shmulik Kraus oder Philip Rosenau, einen Dichter, der auch Mathematikprofessor ist. Früher kam auch Yossi Harel, der Kommandant der Exodus.
Wohnen Sie selbst in der Nähe des Cafés?
someck: Nein, ich wohne in Ramat Gan, zehn Minuten Autofahrt entfernt. Ich kann es mir nicht leisten, in Tel Aviv selbst zu wohnen. Aber ich lebe in Tel Aviv.

Lieben Sie die Stadt?
someck: Da kann ich nur zitieren, was Rod Stewart über eine Frau gesungen hat: »Wenn es falsch ist, diese Frau zu lieben, dann will ich falsch liegen.« Es gibt eigentlich keinen Grund Tel Aviv zu lieben! Die Stadt ist hässlich, selbst das Meer riecht nicht mehr nach Meer und Charakter besitzt diese Stadt auch nicht!

Keinen Charakter?
someck: Nein. Tel Aviv möchte wie New York sein! Dauernd rennt Tel Aviv der letzten Mode hinterher. Wenn Tel Aviv schon »wie« sein muss, dann möchte ich es wie im Nahen Osten, nicht wie Manhattan! Aber: Tel Aviv ist wunderbar.
In Jerusalem würden Sie nie wohnen wollen?
someck: Na ja. Natürlich ist Jerusalem viel schöner und älter als Tel Aviv, aber es ist eine Postkartenstadt, keine Stadt, wo man ein Kaffeehaus wie das Tamar finden kann.

Schreiben Sie im Café auch manchmal Ihre Gedichte?
Nein, denn wenn du Stammgast im Café Tamar bist, hast du dort höchstens zehn Minuten deine Ruhe. Selbst wenn du dort mit jemandem sitzt und redest, nehmen sie deswegen nicht an, dass du in Ruhe gelassen werden willst! Nein, sie kommen und fallen dir ins Wort. So sind hier die Höflichkeitsregeln und nicht etwa umgekehrt. Aber auch das macht die Dynamik dieses Ortes aus.

Das Gespräch führte Christian Buckard
Nächste Woche: Rafi Kishon, Tierarzt, Grünen-Politiker und Sohn des Autors Ephraim Kishon

Düsseldorf

Igor Levit: Bin noch nicht fertig mit diesem Land

Am Klavier ist er ein Ausnahmekönner, in politischen Debatten meldet er sich immer wieder zu Wort. 2020 erhielt der jüdische Künstler das Bundesverdienstkreuz - das er nun nach eigenen Worten fast zurückgegeben hätte

 03.02.2025

Berlin

Kreise: Union will Gesetz doch zur Abstimmung stellen

Hinter verschlossenen Türen wurde in den Unionsparteien viel über das »Zustrombegrenzungsgesetz« gesprochen. Nun gibt es laut Teilnehmern eine Entscheidung

 31.01.2025

Kommentar

Der stumme Schrei der Arbel Yehoud

Die Israelin wurde am Donnerstag von den Hamas-Terroristen endlich freigelassen. Die junge Frau muss unvorstellbare Qualen ausgestanden haben

von Nicole Dreyfus  31.01.2025

Kultur

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 30. Januar bis zum 5. Februar

 30.01.2025

Österreich

»Gegen Antisemitismus und Antizionismus aufstehen«

Der Bundeskanzler, dessen ÖVP Koalitionsgespräche mit der rechtsextremen FPÖ führt, sagt, weder Hass noch Ausgrenzung dürfe Platz geboten werden

 27.01.2025

Irland

Eklat mit Ansage beim Holocaust-Gedenken

Nach seinem Exkurs zum Gaza-Krieg bei der Gedenkfeier in Dublin hagelt es scharfe Kritik am irischen Staatspräsidenten

von Michael Thaidigsmann  27.01.2025

Berlin

Scholz zu Auschwitz-Gedenken: Müssen Erinnerung hochhalten

Am 80. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers wird der Opfer des NS-Terrors gedacht. Viele Zeitzeugen sind mittlerweile gestorben

 27.01.2025

Gedenken

Mehr Menschen sollen sich Auschwitz anschauen

Wer einmal dort war, stelle sich die Frage, warum die Erinnerung wachgehalten werden muss, nicht, so Zentralratspräsident Schuster

 26.01.2025

Geisel-Abkommen

Scholz: Es müssen weitere Geiseln freikommen

Noch immer sind auch deutsche Staatsbürger in der Gewalt der Hamas

 25.01.2025