König David

Lust und Leidenschaft

von Rabbiner Baruch Rabinowitz

König David zählt zu den berühmtesten und zugleich umstrittensten Figuren der biblischen und jüdischen nationalen Geschichte. Die Bibel widmet dem blondhaarigen Hirten zahlreiche Erzählungen. Mindestens ein kanonisches Buch – die Psal-
men – wurde nach der Überlieferung zum größten Teil von David verfaßt. Der Talmud und die rabbinische Literatur ergänzen und entfalten durch Mythen und Legenden die Geschichte um den Menschen, der zugleich jüdischer Held und Verkörperung der messianischen Hoffnung ist.
Für die meisten Gläubigen ist David in erster Linie ein mächtiger und listiger Krieger. Er, David, der Goliath besiegt hat und als Belohnung dafür zum König über Israel gesalbt wurde, zu dem König, der dem Herzen des Ewigen nahesteht.
Die biblische Geschichte wurde im Laufe der Jahrhunderte nur subjektiv, traditionsgebunden und eindimensional ausgelegt. Daraus resultiert eine klischeehafte Vorstellung von David. Der Versuch, die biblischen Figuren an die herrschenden ethischen und traditionellen Konzepte zu binden und in den eigenen dogmatischen Rahmen einzupassen, führt zu einem bedeutenden Verlust ihrer Vielfalt und Qualität. Diese Tendenz ist zwar verständlich, denn wir wollen unsere großen jüdischen Vorväter als einwandfreie Beispiele und makellose Modelle sehen. Sie sollen zu unseren Moralvorstellungen passen und von allen Schwächen und Sünden frei sei. Sarah ist gut und Hagar ist schlecht. Jakob ist ein Gerechter und sein Bruder Esau ist böse. So haben wir das gelernt und so lesen wir die Bibel ohne dabei zu merken, daß ein sehr wesentlicher Teil der biblischen Geschichte von uns übersehen – oder schlimmer noch – geleugnet wird.
Der junge Hirte, der nach der Überlieferung von Gott für die Herrschaft vorbestimmt und durch den Propheten Samuel gesalbt wurde, ist leider auch einseitig und dogmatisch gesehen worden. David war ein Dichter und Musiker, Liebhaber und Freund. Seine Harfe hat die Herzen getröstet und seine Psalmen haben das Konzept des Gebets radikal verändert und wurden zu einer Inspirationsquelle für Millionen von Menschen. Auf all seinen Wegen hat er den Schöpfer des Universums gesucht und seine Nähe überall entdeckt.
Vielleicht müssen wir David nicht als einen mächtigen Krieger sehen, sondern als Symbol für ein erfülltes Leben, erfüllt von der ununterbrochenen Suche und Sehnsucht nach dem Schönen. Ein Symbol für die Freude am Lieben und Geliebtwerden.
Eine der wichtigsten Eigenschaften Davids wird zu oft von uns übersehen: seine Leidenschaft. Obwohl er im Vergleich mit seinem Sohn Solomon nur eine sehr bescheidene Anzahl von Frauen (sieben) geheiratet hat, wurden sein Leben, seine Erfolge und Niederlagen zum größten Teil von seinen Leidenschaften bestimmt.
Er war ein Mann, der von seiner brennenden, unkontrollierbaren Leidenschaft geleitet wurde. Zum Beispiel in der Geschichte mit Batseba. Er beobachtet eine schöne, verheiratete Frau beim Baden und verliebt sich in sie. Er begeht eine grausame Sünde. Wegen seiner Eifersucht muß Batsebas Mann sterben. David mußte einen hohen Preis bezahlen. Nach seiner inneren Umkehr schreibt er den 51. Psalm, der für alle Zeiten zu einer beispielhaften Buße in der jüdischen wie der christlichen religiösen Tradition geworden ist.
Seine besondere Liebe zu Jonathan, dem Sohn seines eifrigen Opponenten König Saul wird so gut wie nie diskutiert. Es ist aber unmöglich, ein vollständiges Bild von David ohne diese so wichtige Komponente zu erhalten. Nach dem Tod Jonathans sagt David: »Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist« (2. Samuel 1,26). Obwohl es nirgendwo direkt geschrieben steht, deuten viele Stellen in der Erzählung von David darauf hin, daß Jonathan und David eine erotische Liebesbeziehung miteinander hatten. Auf Grund der biblischen Aussagen zum Thema Homosexualität, die oft fragwürdig interpretiert wurden, wird darüber sehr ungern gesprochen. Unter Homosexualität versteht die Tora ausschließlich den sexuellen Verkehr zwischen zwei Männern. Lesbische Liebe wurde dagegen nie als sexueller Verkehr angesehen und war in der Halacha nie verboten. Trotzdem, auch wenn Homosexualität oft als anormal betrachtet wurde, weil sie dem lebenserhaltenden Konzept der Fortpflanzung entgegenstand, wurde Bisexualität in der antiken Gesellschaft so gut wie überall als normal angesehen.
Die These, daß David bisexuell gewesen ist, sollte zumindest als Möglichkeit akzeptiert werden. Das wäre eine enorme Hilfe für die Rekonstruktion des geistigen und menschlichen Porträts dieses wichtigsten aller jüdischen Könige und eröffnet zugleich eine neue Perspektive für die Beurteilung von jüdischen homosexuellen Paaren. Es gehört zum Leben und die Zeit verlangt von uns die Flexibilität, Homosexualität, wenn nicht zu segnen, so doch zumindest nicht zu verurteilen. Jüdische Theologen sollten endlich den Mut haben, das Judentum auf der Grundlage der Realität und nicht ausschließlich auf der Basis von Märchen und Mythen zu entwickeln. Menschen verlieren ihre Größe nicht, nur weil sie menschlich sind. David war ein Mann, der tötete und liebte, Musik komponierte und weinte. Er schrieb Psalmen, regierte das Land und sollte eine ewige Dynastie gründen, die am Ende die messianischen Erwartungen verwirklichen sollte.
Warum hat Gott eben David für die endgültige Erlösung der Menschheit ausgewählt? Liegt es vielleicht daran, daß er uns ein anderes Modell für menschliche Vollkommenheit nahelegen möchte –schwach ebenso wie stark, sündig ebenso wie gerecht zu sein? Vielleicht war seine leidenschaftliche Liebe zu Gott und zur Natur, zu Frauen und Männern eben die Eigenschaft, die von Gott in den Menschen immer wieder gesucht wird. Leidenschaft, die aus der Tiefe des Herzens fließt und es ermöglicht, alle Beschränkungen zu übersteigen und Heldentaten zu vollbringen. Und wenn man sich irrt, dann muß man mit dem gleichen Eifer einen Rückweg suchen und die Konsequenzen des Unrechtes, das man verübt hat, geduldig tragen. Errare humanum est.
Das messianische Konzept können wir auch als einen Weltzustand verstehen. Eine Welt, die von Toleranz und Akzeptanz regiert wird. Eine Welt, in der die Menschen ihr Potential entfalten und einander so akzeptieren können, wie sie sind, statt in einem selbstgeschaffenen Mythos zu leben und die wirkliche Schönheit der anderen damit zu übersehen. Gott leidenschaftlich, die Nächsten und die Natur zu lieben und bewußt und verantwortlich in Gottes Welt zu leben, wird uns viel näher an die Erfüllung der messianischen Hoffnung bringen. Nur die Kriege, die David geführt hat, haben verhindert, daß er den Tempel bauen konnte. In allem andern kann er uns wohl als Beispiel dienen.

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