Der Herr Karl

»Jetzt is a bees, der Tenenbaum«

»Do woa a Jud im Gemeindebau. Da Te-nenbaum. Sunst a netta Mensch.« Der das erzählt, ist der Herr Karl, Ende 50, Lagerverwalter eines Wiener Feinkostgeschäfts. Helmut Qualtinger und Carl Merz haben den Prototyp des österreichischen Kleinbürgers 1961 kreiert. Durch alle gesellschaftlichen und politischen Brüche des 20. Jahrhunderts hat der Herr Karl sich opportunistisch durchlaviert, von der Sozialdemokratie (»Bis 34 wor i Sozialist, wor aa ka Beruf«) über die Klerikalen (»Donn bin i demonstrieren gonga für de Schworzen. Hob i fünf Schilling kriagt. Woa a Göd domois.«) bis zu den Nazis (»Am Hödenplotz beim Fihrer dos woa wie beim Heirigen. Nur feierlicher«). Den Juden Tenenbaum hatte der Herr Karl 1938 gezwun- gen, auf Knien das Trottoir zu putzen. Nicht gern, er musste halt. Eigentlich war der Herr Karl, erläutert er, auch ein Opfer. Umso unverständlicher für ihn, dass Tenenbaum, 1945 nach Wien zurückgekehrt, ihn nicht grüßen mag. »Jetz ist a bees, der Tenenbaum«.
Anton Rattinger ist in Joosten Mind-rups Inszenierung des anderthalbstündigen Monologs ein kongenialer Herr Karl. Dem Zuschauer ist abwechselnd zum Lachen, zum Grausen und zum Kotzen angesichts dieser Gestalt, wie man sie, weiß Gott, nicht nur in Österreich findet. Wer eine Antwort auf die Frage sucht, warum die Massen Hitler folgten und bei der Judenhatz fröhlich mitmachten, braucht keine wissenschaftlichen Werke von Soziologen, Psychologen und Historikern lesen. Es reicht, sich den Herrn Karl zu Gemüte zu führen. mjw

Vagantenbühne, Kantstraße 12, Berlin,
www.vaganten.de

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