Jamaica

Insel der Zukunft

von Hans-Ulrich Dillmann

Mit einjähriger Verspätung hat die jüdische Gemeinde Jamaikas am 9. November ihr 350jähriges Bestehen mit der Einweihung des Jamaican Jewish Heritage Center gefeiert. In Anwesenheit von Generalgouverneur Kenneth Hall, als Vertreter der britischen Königin im zum Commonwealth gehörenden Karibikeiland, und hochrangigen Vertretern der Regierung der viergrößten Insel der Großen Antillen wurde feierlich das Mehrzweckgebäude seiner Bestim- mung übergeben. »Wir haben jetzt nicht nur eine Synagoge, sondern auch ein Kulturzentrum«, sagt Ainsley Henriques, ehemaliger Gemeindevorsitzender und Präsident des Organisationskomitees. Die rund 200.000 US-Dollar wurden zur Hälfte von der Gemeinde und zur anderen Hälfte von der jamaikanischen Regierung aufgebracht.
Im Jamaican Jewish Heritage Center findet demnächst nicht nur der Kabbalat Schabbat statt. In dem zweistöckigen, in frisch gestrichenem Weiß erstrahlenden Gebäude wird eine Dauerausstellung die Geschichte der in Jamaika lebenden Juden erzählen. Neben antiken Ritualgegenständen aus alten Synagogen des Landes, finden sich in dem Museum Dokumente aus über 350 Jahren Judentum auf der »Rasta«-Insel. Wissenschaftler können im Archiv das Leben der mehrheitlich sefardischen Juden des Landes studieren. »Wir waren schon vor den Briten hier«, sagt Ainsley Henriques stolz. Auch ein Theater und die Gemeindeverwaltung befinden sich in dem Bau, der direkt neben der im »portugiesischen Stil« erbauten Synagoge im Zentrum der jamaikanischen Hauptstadt Kingston liegt.
Ins Land der Rastafari kamen erste Juden bereits während der spanischen Herrschaft in der Karibik, die für Jamaika bis 1655 andauerte. Unter britischem Regime konnten die »Conversos«, die jüdischen Zwangsgetauften, wieder offen ihre Religion auszuüben. Viele jüdische Familien kamen durch die Zucker- und Vanilleindustrie zu Wohlstand. Die Juden Jamaikas sind stolz darauf, daß im Jahre 1849 acht der 47 Mitglieder des Regionalparlaments Mitglied der jüdischen Gemeinschaft waren. Und an Jom Kippur fanden keine Parlamentssitzungen statt, wie alte Dokumente belegen. Im Jahre 1881 bekannten sich von den 13.800 weißen Einwohnern des Landes genau 2.355 zum jüdischen Glauben. Synagogen gab es in Kingston, Spanish Town, Port Royal und Montego Bay. Nur noch die Ruinen der Mehrzahl der Gotteshäuser kann der Besucher besichtigen, ebenso wie die 21 jüdischen Friedhöfe, von denen aber nur noch die beiden in Kingston liegenden Begräbnisstätten genutzt werden.
Die Synagoge mit dem neuen Gemeindezentrum liegt nur wenige Meter vom Parlamentsgebäude in der Duke Street. Keine hundert Jahre zählt das weiße, klassizistische Gotteshaus. Das alte Gebäude stürzte beim schweren Erdbeben 1907 ein. Und auch das danach aufgebaute Gemeindezentrum ist bereits mehrmals durch Unwetter geschädigt worden. Bei einem schweren Hurrikan 1988 flog das Dach der Shaare-Shalom-Synagoge weg. Inzwischen ist die »Gottespforten«-Synagoge wieder im alten Glanz restauriert. Wie die anderen weltweit sechs »portugiesischen Synagogen« ist auch die Shaare- Shalom-Synagoge mit weißem Sand ausgelegt. Es knirscht bei jedem Schritt durch das zweistöckige Gotteshaus. »Es erinnert uns an die Zeit der Verfolgung durch die spanische Inquisition«, sagt Stephan Henriques. Der Innenhof zwischen der Synagoge und dem Gemeindezentrum ist mit jüdischen Grabsteinen ausgelegt, die im ganzen Land gefunden wurden und nicht mehr einem Grab zugeordnet werden konnten.
Die Gemeindemitglieder gehören der konservativen Bewegung an. »Die United Congregation of Israelites hat 350 Mitglieder«, sagt Stephan Henriques, der Vorbeter in der Gemeinde. Seit einem Vierteljahrhundert hat die jüdische Gemeinschaft keinen festen Rabbiner und der letzte Schochet verließ das heute rund 2,8 Millionen Einwohner zählende Land vor gut 50 Jahren. »Aber die Toleranz in diesem Land garantiert, daß wir Juden in Jamaika eine gute Zukunft haben und das Heritage Center wird unsere Geschichte der Jugend erzählten«, sagt Ainsley Henriques.

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