Tallinn

Hoffnungsträger

von Nadja Cornelius

Shmuel Kot hält die Luft an. Zur Einweihungsfeier der neuen Synagoge in Estlands Hauptstadt Tallinn sind hochkarätige Gäste angereist. Neben dem stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Shimon Perez haben sich Israels Oberrabbiner Yona Metzger, der Moskauer Hauptsponsor Alexander Bronstein sowie der estnische Premierminister Andrus Ansip und Präsident Toomas Hendrik Ilves eingefunden.
Feierlich begleitet von Musik und Tanz bringen Metzger und Bronstein drei Torarollen in der Synagoge ein. Anschließend durchschneiden Ilves und Perez das rote Band vorm säulengeschmückten Eingang des neuen Gotteshauses. Zwei Jahre Bauzeit sind vorüber. Rund 800 Gäste aus dem In- und Ausland nehmen an der Zeremonie teil. Für Außenstehende wird sie auf Leinwände übertragen.
Noch bis zum 15. Mai war Tallinn die einzige EU-Hauptstadt ohne Synagoge. Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde Estlands haben eigens für dieses Ereignis einen Urlaubstag genommen. Kein Wunder: »Dies ist für uns ein historischer Moment, denn endlich haben wir wieder ein Zuhause«, sagt Kot berührt.
Eineinviertel Jahrhunderte früher: Steine werden geschleppt, Mörtel wird angerührt. Von 1883 an erstrahlt die erste Synagoge Estlands in vollem Glanz. Es hatte sich ab 1865 ein reges jüdisches Leben entwickelt, nachdem Zar Alexander II. Juden mit Hochschulabschluss das Recht zusprach, auf estnischem Territorium zu siedeln. 1934 lebten 4.381 Juden in Estland. Es war die kleinste jüdische Gemeinde der drei baltischen Länder vor dem Einzug der deutschen Armee. Hunderte von ihnen wurden zuvor, zu sowjetischer Besatzung, deportiert. Die meisten flohen vor den Nazis in die innere Sowjetunion. Die verbliebenen etwa 1.000 Juden wurden umgebracht. 1942 erklärten die Nazis auf der Wannsee-Konferenz Estland als erstes Land für »judenfrei«. Die Synagoge wurde 1944 durch sowjetische Streitkräfte zerstört.
Herbst 2005: Israels Staatspräsident Moshe Katzav legt den Grundstein für die neue Synagoge. Den Stein hat er aus Israel mitgebracht. »Man kann ein Gebäude niederbrennen, aber niemals ein Gebet. Und wir sind betende Menschen«, sagt sein Landsmann Perez zwei Jahre später bei der Einweihung des ultramodernen Gotteshauses.
»Wir blicken nach vorn in die Zukunft, deren Teil diese Synagoge ist. Sie wird die lokale jüdische Identität stärken«, erklärt Kot stolz. Er fügt hinzu, dass es in Estland lange Zeit nicht möglich gewesen sei, jüdisches Leben zu praktizieren. »Es gab keinen Rabbiner, kein koscheres Essen, keine Möglichkeit, etwas über das Judentum zu erfahren.« Die neue Synagoge sei aber nur ein Anfang, betont Kot, der vor sieben Jahren aus Israel nach Estland kam und bis jetzt der einzige Rabbiner des Landes ist.
Heute leben wieder etwa 3.000 Juden in Estland. Die meisten von ihnen in Tallinn. Der nördlichste Baltenstaat mit einer Bevölkerungsgröße von 1,3 Millionen ist seit 2004 Mitglied der EU. Nur 15 Jahre seien vergangen seit die jüdische Gemeinde Estlands – ein Jahr nach der Unabhängigkeit – gegründet wurde. Seither erst sei es wieder möglich, jüdische Kultur, Hebräisch und Jiddisch an der Universität Tallinn zu studieren.
Im Zentrum der Stadt, direkt neben der jüdischen Schule und dem Gemeindezentrum, steht nun die neue Synagoge. Und weil dieses Ereignis so herausragend ist, weist die Architektur gleich in die Zukunft: Kimmel and Stöör heißen die jungen, estnischen Architekten, die sich vor Projektbeginn in Israel mit der jüdischen Kultur vertraut machten. Großflächige Glaseinheiten vermitteln Offenheit, Helligkeit und Transparenz. 200 Menschen finden in dem Gotteshaus Platz, das außerdem als Kulturzentrum gedacht ist. Neben Gottesdiensten gibt es ein Restaurant mit koscheren Speisen, Mikwe, ein Museum für jü- dische Geschichte und Versammlungsräume. Das Projekt kostete knapp 1,5 Millionen Euro, das hauptsächlich von dem aus Tallinn stammenden Alexander Bronstein in Gedenken an seine dort beerdigte Mutter und der in den USA beheimateten Rohr-Familie möglich gemacht wurde.
Die Synagoge sei nicht nur ein Zeichen des Überlebens, sondern auch der Toleranz und symbolisiere eine positive Entwicklung für ganz Estland, sagt Kot vor der Eröffnungsfeier. Schon Moshe Katzav betonte während seines Staatsbesuchs im September 2005 Estlands positive Einstellung gegenüber seiner jüdischen Gemeinde. »Estland hat alle Maßnahmen ergriffen, um antisemitische Strömungen auf kleinstem Niveau zu halten«, sagte er bei seinem Besuch des Holocaust-Mahnmals in Klooga.
In seiner Ansprache verglich Estlands Präsident Thomas Hendrik Ilves das Schicksal der Juden mit dem der Esten. Auch ihnen sei es gelungen, unter fremder Herrschaft die eigene Kultur zu bewahren. Unangekündigt habe Ilves sogar die Mesusa geküsst. Der Rabbiner ist optimistisch. »Mein größtes Ziel ist es, ein jüdisches Leben zu schaffen wie es vor dem Zweiten Weltkrieg war. Mit der Synagoge wurde ein sehr wichtiger Schritt getan«, sagt Kot.

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