Felix Birchansky

»Hier gibt’s zu viel zu malen«

Man kennt mich in der Lübecker Kunst-gemeinde als Frühaufsteher. Ich wache morgens um sechs auf und gehe direkt ins Atelier. Da arbeite ich meistens bis etwa um zwölf Uhr an meinen Bildern, jeden Tag. Das ist wie bei Sportlern oder Musikern, wir müssen jeden Tag arbeiten, um besser zu werden. Mittags mache ich eine Pause, gehe raus, und meine Frau Svetlana, die auch Künstlerin ist, übernimmt dann das Atelier. Es hat sich bei uns so eingespielt, dass ich morgens arbeite und Svetlana eher nachmittags bis nachts. Unser Atelier ist in der Wohnung, da ist wenigstens der Weg nicht so weit. Aber eine richtige Werkstatt mit besserem Licht wäre schön, im Sommer wird es hier durch die Bäume vor den Fenstern ziemlich dunkel. Leider können wir uns aber keinen eigenen Atelierraum leisten. Das ist das Los der Künstler.
Wir sind vor zehn Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Am 21. April 1999. Dieser Tag ist immer noch ein ganz besonderes Datum für uns. Wir wollten gerne etwas von der Welt sehen und ein neues Kapitel in unserem Leben beginnen. Eigentlich gab es für uns nur zwei Möglichkeiten: entweder nach Israel oder nach Deutschland zu gehen. Nach Israel wollten wir nicht, das war uns zu weit weg. Deutschland kam uns dagegen vertrauter vor, es ist europäisch und näher an unserer eigenen Kultur. Wir fahren jeden Sommer in die Ukraine, vor allem, weil Svetlana dort noch Verwandte hat, die wir besuchen. Drei Wochen Urlaub nehmen wir uns immer, aber die Besuche sind anstrengend, die Zustände dort sind so schlecht, und es wird immer schlechter. Trotzdem fahren wir auch ein bisschen aus Sehnsucht in die Ukraine.
Wir haben uns vor 36 Jahren an der Fachhochschule für Kunst und Design in Charkow kennengelernt. Ich habe dort Grafik studiert und danach noch ein paar Jahre für Reklameunternehmen als Grafikdesigner gearbeitet. In meiner Heimatstadt Dnepropetrowsk, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, gab es schon zu Zeiten der Sowjetunion eine kleine jüdische Gemeinde. Aber es war gefährlich für junge Leute, da hinzugehen. Für die Ausübung der Religion setzte man seinen Job oder Studienplatz aufs Spiel. Inzwischen gibt es in Dnepropetrowsk einen Rabbiner aus den USA, und die Gemeinde ist sehr gewachsen.
In der Sowjetunion war es für uns Künstler einfacher als in Deutschland: Wir hatten zwar weniger Freiheiten, aber wir waren vom Staat angestellt und hatten ein sicheres Einkommen. Das ist nach 1992 alles zusammengebrochen. Vielleicht hätte ich Zahnarzt werden sollen, Zähne hat jeder. Aber im Ernst: Unser Beruf als Künstler ist mir wesentlich lieber. In der Ukraine wäre ich jetzt schon Rentner, dort endet das Berufsleben für Männer mit 60, für Frauen bereits mit 55. Aber kaum jemand hält dort so lange durch.
Schon als zehnjähriger Junge war ich auf der Kunstschule in Dnepropetrowsk. Ich habe früh angefangen zu malen, ich war etwa vier Jahre alt. Ich wollte das von mir aus. Meine Eltern haben mich nicht dazu angetrieben, obwohl beide durchaus künstlerisch begabt waren. Mein Vater konnte ausgezeichnet malen, aber er machte das nicht beruflich. Er leitete eine Abteilung in einer Schuhfabrik. Meine Mutter war eher musikalisch begabt, sie spielte wunderschön Klavier. Nachdem sie zuerst an einer Berufsschule angestellt war, hat sie dann später auch als Musiklehrerin gearbeitet. Als ich zwei oder drei Jahre alt war, schenkte mir meine Tante einen Bildband von einem Moskauer Kunstmuseum. Dieses Buch habe ich sehr geliebt damals, das war für mich besser als jedes Märchenbuch. Ich habe sogar versucht, mit einem Bleistift die Bilder nachzuzeichnen. Leider besitze ich den Band nicht mehr, es muss bei einem meiner vielen Umzüge verloren gegangen sein.
Unser Umzug nach Deutschland verlief ziemlich überstürzt, denn wir hatten bei der Behörde in Kiew kein Wunschbundesland angegeben. Knapp sechs Monate nach unserem Antrag konnten wir ausreisen, bei anderen dauerte es manchmal Jahre. Wie alle Zuwanderer in Schleswig-Holstein sind wir zunächst nach Neumünster gekommen, von dort nach Breitenfelde und schließlich nach Lübeck. Uns hat es sehr geholfen, dass es hier eine jüdische Gemeinde gab, die uns aufgenommen hat. Wir sind auch immer noch der Gemeinde eng verbunden, wir haben dort beide Kunstunterricht für Kinder gegeben, und ich habe das Konzept für das kleine Museum in der Synagoge erstellt, das vor Kurzem eröffnet wurde.
Für Künstler ist Lübeck eine perfekte Stadt, es gefällt uns sehr gut hier. Hier lebt eine große Künstlergemeinde, und es gibt so viel zu malen. Fast zu viel. Nach nur ein paar Tagen in der Stadt hatte ich bereits meine erste Ausstellung in Lübeck, schon damals mit Ilhan Isözen, dem heutigen Leiter des Hauses der Kulturen. Es wirkt wie ein schönes altes Hexenhaus. Wir haben dort alte Ziegel gefunden, von denen ich 200 mit verschiedenen Motiven aus allen Kulturen gestaltet habe. Die hängen immer noch an den Wänden. Einen von den Dachziegeln habe ich für Günter Grass zum 75. Geburtstag gestaltet. Meine Frau Svetlana und ich waren über einen Fonds aus dem Regierungsprogramm der SPD im Haus der Kulturen angestellt. Vier Jahre lang halfen wir gemeinsam mit anderen Künstlern, das Veranstaltungszentrum aufzubauen und zu gestalten. Nachdem das Programm dann auslief, haben wir in Ein-Euro-Jobs weiter dort gearbeitet. Aber momentan müssen wir pausieren.
Seitdem wir hier leben, habe ich viele weitere Ausstellungen in Deutschland gemacht, vorher bereits in der Ukraine und auch in den USA. Inzwischen sind es mehr als 60. Zum Beispiel konnte ich meine Bilder im Museum für Hamburger Geschichte und in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zeigen, dort gibt es einen großen Ausstellungsraum.
Natürlich habe ich früher anders gemalt, aber die konzeptuelle Grafik ist meine Richtung, Farben und Gefühle spielen für mich eine große Rolle. Ich arbeite mit einer Mischtechnik: Acryl, Lack, Wachs. Oft nutze ich auch die unterschiedlichsten Materialien, um einem Bild Strukturen zu verleihen. Ich beklebe meine Bilder mit Stoff oder Holz, bevor ich Farben verwende. Ich male auch realistische Bilder, gerade hier in Lübeck gibt es so viele schöne Häuser und Straßenszenen. Da hilft mir meine Ausbildung als Grafiker, ich zeichne oft mit schwarzem Kugelschreiber vor und koloriere dann mit Aquarellfarben oder Buntstiften. Eine Zeit lang habe ich auch russische Ikonen gemalt. Die Leute mögen das Realistische lieber und kaufen es auch eher. Aber so langsam fangen sie an, auch abstraktere Sachen zu schätzen. Die nächste Ausstellung meiner Bilder mache ich im April hier in Lübeck.
Für die schöpferische Arbeit braucht man seelische Ruhe, das überträgt sich auf die Arbeit und dann auch direkt auf den Betrachter. Aber absolute Ruhe gibt es nicht, und ab und zu kann ein bisschen Ärger auch ein Antrieb zum Arbeiten sein. Wie lange ich für ein Werk brauche, ist sehr unterschiedlich. Manchmal ist ein Bild nach einer Stunde fertig, manchmal dauert es einen Monat, das kann man nie voraussagen.

Aufgezeichnet von Moritz Piehler

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