Schule

Für das Leben lernen

von Andreas Nachama

Gelegentlich wird die Öffentlichkeit aus ihrem ritualisierten Dauerdiskurs zum Schulwesen in Deutschland herausgerissen: Erst in den USA, jetzt auch hier, werden Schüler zu Killern an Lehrern und Mitschülern. Die Antworten, mit denen wir uns Sand in die Augen streuen, um dann wieder ruhig schlafen zu können, machen grausame Computerspiele, angeblich überalterte Lehrer oder verlotterte Schulbauten zu Schuldigen an dieser Situation.
»An guten Schulen und guten Straßen erkennt man den guten Staat« – die Bilanz für unser Gemeinwesen könnte gemessen an diesem Sprichwort nicht schlechter ausfallen. Denn in der Schule wird schon den Kleinsten beigebracht: »Pass auf, dein Nachbar ist dein Konkurrent!« Und es endet im »Turbo-Abitur« – im Zeitalter des Turbo-Kapitalismus wohl eine angemessene Form der Beschulung.
Im Mittelpunkt des deutschen Schulwesens steht der sparsame Umgang mit den Ressourcen. Lehrer sind Messgrößen der Schulverwaltung, die nach Maßgabe von Schülerschlüsseln und Lehrplananforderungen den Schulen zugeteilt werden. Ge-
messen wird die Effizienz, indem der Pädagoge die Leistungen prüft und selbst ständig nachweisen muss, dass er alle Punkte des Rahmenplans in seine didaktisch abgestimmten Unterrichtseinheiten aufgenommen hat.
Non vitae sed scholae discimus. Wir lernen nicht fürs Leben, sondern für die Schule, kritisierte schon vor etwa 2.000 Jahren der römische Philosoph und Dramatiker Lucius A. Seneca die Institution Schule. Man könnte also mit Kohelet sa-
gen: Nichts Neues unter der Sonne.
Geliebt habe ich die Schule in meiner Kindheit und Jugend auch nicht. Wie sehr habe ich den Pauker gefürchtet, der, mit seinem Diktatzettel in der Hand, Sätze beim Sprechen so zerstückelte, dass selbst ein erfahrener Schriftkundiger ins Schleudern kam, wo nun die richtigen Kommata zu setzen waren. Wie sinnlos waren unzählige Klassenarbeiten, die Wissen abfragten, dass keinerlei Bedeutung hatte, außer dass es selbstwichtig daherkam, weil es in einem Lehrplan stand oder jenem Tyrannen gefiel, der mit seinen zerbeulten Hosen für 45 Minuten Herr der Schulklasse war.
Wie bestätigt fühlten wir uns, als wir von den Anfängen staatlichen Schulwesens in Preußen lasen: Ausgerechnet die ausgemus-terten Soldaten des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. waren es, die das Schulwesen in die Fläche brachten. Andererseits: Welche unverzichtbaren Lebenstechniken haben wir in der Schule gelernt! Lesen, schreiben, logisch denken, rechnen, Musik erkennen, die Gesetze der Physik! Welch wunderbare Kommunikationstechniken haben wir in der Schule durch »learning by doing« zu einem Teil des Ich werden lassen.
Natürlich hatten es meine Hebräischlehrer weit besser als jeder Schullehrer, denn ich bin nach der Bar Mizwa gern und freiwillig zu ihnen gegangen. Ist es Zufall, dass ich in der Schulzeit, an der Uni oder später im Rabbinerseminar in Hebräisch oder Judaistik nur Lehrer oder Lehrerinnen hatte, die mit großer Autorität, aber mit viel Liebe und Geduld lehrten? Ist es Zufall, dass wir Moses, die wichtigste menschliche Gestalt der Bibel, »unseren Lehrer«, »Mosche rabbenu«, nennen? Ist es Zufall, dass Rabbiner mit den Worten vorgestellt werden: »Morenu ha-raw«, »unser Lehrer, der Rabbiner«?
Lernen spielt im Judentum durch die Geschichte hindurch eine zentrale Rolle. Dies geschah und geschieht durch das Lesen der traditionellen Texte. Lesen bedeutet in diesem Fall immer das laute Vorlesen. Das geht nicht ohne Geräusche, denn jeder Vorlesende hat seinen Partner, und so kommt es zu dem – in unserem Sprachgebrauch oftmals abfällig – zitierten »Lärm wie in der Judenschule«.
Hier findet eben kein Frontalunterricht statt, sondern es sind lesend lehrende und lernende Zweiergruppen: Hier ist der Nachbar kein Konkurrent, sondern ein Mitstreiter. Jeder ist nur so gut wie sein Gegenüber. Man sieht dem Mitschüler oder dem Lehrer in die Augen. Hier geht es nicht um Turbo-Lernen, nicht um Leistungsmessung, sondern darum, gemeinsam das Ziel zu erreichen: den traditionellen Text zu verstehen.
In solchen Konstellationen lernt der Lehrer auch von den Schülern. Unvorstellbar, dass sich ein solcher Lernpartner mit einer Machete bewaffnet und Lehrer oder Mitschüler ermordet, ist es doch der kleine göttliche Funken, der in jedem Menschen verborgen ist, der durch das gemeinsame Lernen überspringt und neue Erkenntnis, neues Licht in die Welt bringt.
Erst wenn mit Liebe, Respekt und gemeinsamen Zielen Schule und Gesellschaft, Schüler und Lehrer aufbrechen und niemanden ausschließen oder links liegen lassen, wird die Schule wieder ein Lernort sein und keine verhasste Lernmaschine.

Der Autor ist Professor am Touro College Berlin, leitet die »Topographie des Terrors« und ist Rabbiner der Synagoge Hüttenweg.

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