Hampi

Fast so gut wie zu Hause

von Annette Lübbers

Die Begrüßung ist barsch: »Shoes off«, tönt es aus dem Hintergrund. Gehorsam streifen sich die Gäste ihre Sandalen von den Füßen, bevor sie im überdachten Terrassen-Restaurant »Hema« Platz nehmen. Auf der Speisekarte stehen Gerichte aus Indien, Europa und Israel: Tahina, Labane, Schnitzel und türkischer Kaffee. Der Besitzer notiert die Bestellungen seiner vorwiegend jüdischen Gäste in hebräischen Buchstaben auf seinem Notizblock. Kein Wunder: Yizhak Choen ist Israeli. Aber sein Restaurant betreibt er tausende Kilometer von seinem Heimatland entfernt in der südindischen Provinz Karnatakas.
Einst schwärmten europäische Kaufleute von der Schönheit der strahlenden Weltstadt Vijayanagar. Geblieben vom Glanz der Hauptstadt des letzten großen Hindu-Reiches sind die auf 26 Quadratkilometer verteilten Überreste vieler Tempel sowie ein unscheinbares kleines Dorf: Hampi. Ein neu entdecktes Eldorado, nicht nur für die Hippie-Touristen, die mit dem Bus aus Goa anreisen, den Hampi-Bazaar, die Hauptstraße des Ortes, bevölkern und sich in einem der zahllosen Cafés von der Hitze des Tages oder von der letzten Party erholen. In Trauben warten Touristen wie Einheimische am Flussufer auf das altersschwache Boot mit Außenbordmotor, mit dem geschäftstüchtige Inder Tag für Tag über den kleinen Fluss setzen. Ende März, wenn die Hitze für die Westler unerträglich wird, schließen viele Läden ihre Pforten. In Hampi kehrt wieder die Ruhe ein.
Noch aber brummt das Geschäft von Yizhak Choen. Der 48-jährige Hotel- und Restaurantbesitzer lebt seit 20 Jahren in Indien. Hema, seine Frau, ist Hindi, die drei- jährige Tochter Rotem wurde in Indien geboren. Ursprünglich kam der gelernte Rosenzüchter als Tourist nach Indien, später arbeitete er für einen israelischen Blumenzüchter in Bangalore. Vor fünf Jahren kaufte er Land in Hampi und blieb. »Meine Faszination für Indien versteht kaum jemand. Als ich das erste Mal nach Bombay kam, waren alle Mitreisenden schockiert über das, was sie sahen. Ich habe gelächelt. Viele Frauen hier in Indien haben das Gesicht meiner Mutter.« Choen grinst unter seiner Baseballkappe. »Wer weiß. Vielleicht haben meine Vorfahren hier schon einmal gelebt.«
Einfach ist ein Gespräch mit Yizhak Choen nicht. Die Gäste warten auf die Menükarte und auf Erklärungen zu den indischen Gerichten. Bei jeder Tischrunde nimmt er sich Zeit für ein kleines Schwätzchen in seiner Muttersprache. »Mein Hummus ist gut – fast so gut wie das in Israel«, sagt er stolz. Dann fällt der Strom aus – wie so oft in den Abendstunden – und Yizhak Choen verteilt Kerzen auf den Tischen seiner Gäste. Der schmale Fußweg zum Restaurant, eingerahmt von kleinen Häusern mit türkis gestrichenen Spitzdächern – Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen – liegt nun völlig im Dunkel. Ein leichter Wind ist aufgekommen und bewegt die Palmblätter vor der Terrasse.
Yizhak Choen, aufgewachsen in Lod und im Kibbutz Hatzerim, ist stolz auf das, was er sich aufgebaut hat. Er genießt die Kontakte mit den jungen Israelis, die bei ihm einkehren. Seine Heimat fehlt ihm nicht besonders. »Was soll ich da vermissen? Die vielen schlechten Nachrichten aus Israel?«, fragt er und liefert die Antwort gleich mit: »Für mich gibt es keinen Weg zurück.« Allerdings ist er traurig darüber, dass seine Familie ihn nicht besuchen mag: »Als meine Schwester hörte, dass sie von Bangalore nach Hampi zehn Stunden Zug fahren muss, hat sie die Reise storniert. Meine Familie hat wohl Angst vor Indien.« Ein bisschen kann er das sogar nachvollziehen. »In Indien macht einen Vieles verrückt. Der Verkehr zum Beispiel. Aber sonst ist das Leben in Indien ein einfaches Leben.«
2006 war er mit seiner Familie zu Hause, und Rotem, seine Tochter, steckte kleine Zettelchen in die Steine der Kotel, der Westmauer. »Das habe ich noch nie getan. Und sie erinnert mich auch immer daran, dass ich meine Mutter in Israel anrufen muss.« Nach den Gesetzen der Halacha ist seine Tochter keine Jüdin, »aber nach indischem Gesetz – hier geht es nach dem Vater – ist sie Jüdin«. Yizhak Choen redet nicht gerne über sein Judentum in einem Land, in dem die Götter mehr als tausend Namen haben und Tempel das Straßenbild mitbestimmen. »Ist das wichtig?«, fragt er. »Meine Frau Hema hat mir erklärt, dass auch die Hindus nur an einen Gott glauben. Ganesha ist nur eine steinerne Elefanten-Statue – bis die Gläubigen mit Blumen und Farben das Göttliche hineinbringen. Ich habe das begriffen. Vor 1.000 Jahren waren die Menschen primitiv – sie brauchten praktische Anleitungen im Umgang mit dem Göttlichen.« Seine Tochter soll aber Hebräisch lernen. »Falls sie einmal in Israel leben will. Ansonsten muss sie selbst entscheiden, ob sie als Jüdin leben will oder nicht.«

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