Cluj-Napoca

Es war einmal

von Carsten Dippel

Die alten Dielen knarren. Nach und nach nehmen die Männer mit ihren Gebetbüchern auf den schlichten Holzbänken Platz. Sie begrüßen einander freundlich, man kennt sich gut. Niemand würde vermuten, dass sich hinter den Mauern dieses unscheinbaren Hauses inmitten der alten Gassen von Klausenburg, dem rumänischen Cluj-Napoca, eine kleine Synagoge befindet. Das schlichte Bethaus Ohel Mosche erinnert an eine alte Dorfschule, nur mit Toraschrein. Etwas ist anders an diesem Morgen. Zu der kleinen Schar stößt ein Fremder im Gewand eines osteuropäischen Chassiden: Rabbi Halberstam aus New York. Die Vergangenheit hat ihn nach Transsilvanien geführt. Sein Vater, ein berühmter Chassid, war einst Rabbiner im siebenbürgisch-ungarischen Klausenburg, als es hier noch eine große jüdische Gemeinde gab.
Zwischen dem orthodoxen Rabbiner aus Amerika in seinem Kaftan und den in Alltagskleidung betenden alten Männern liegen Welten, nicht nur im geografischen Sinne. Draußen ist inzwischen die Hektik des Alltags eingekehrt. Kaum einer nimmt Notiz von den Männern, die die Kippa vor der Tür sogleich verschwinden lassen. Jüdisches Leben fällt heute kaum auf in der Karpatenmetropole Cluj, in der einst Ungarn, Deutsche, Rumänen und Juden miteinander lebten und die sich nun wieder ganz europäisch gibt.
Am Schabbat und den Feiertagen bete man eigentlich in der großen Synagoge, erzählt Mauriciu Hirsch, ein freundlicher alter Herr, der organisatorische Aufgaben in der Gemeinde erledigt. Prominent an einer der verkehrsreichsten Straßen gelegen ist das restaurierte Gotteshaus ein Symbol für die kurze Blütezeit der Gemeinde, die vor ihrer Vernichtung 1944 mehr als 16.000 Mitglieder zählte. Heute reicht es nur noch selten zum Minjan.
Während man bei der Föderation der jüdischen Gemeinden Rumäniens (FCER) noch halbwegs optimistisch in die Zukunft blickt, herrscht bei den Verantwortlichen in Cluj tiefe Resignation. Angesichts des dramatischen Mitgliederrückgangs ist dies kaum verwunderlich. »In den vergangenen 15 Jahren haben gerade mal zwei Paare geheiratet. Und die sind anschließend ausgewandert«, klagt Mihail Ronai, der neue Vorsitzende. Dabei zählt seine Gemeinde mit ihren 500 Mitgliedern noch zu den größeren des Landes. Allerdings auch nur, wenn man die vielen Mischehen hinzuzählt. Immerhin gibt es hier noch einen Synagogenchor und sogar eine Klesmerband. Andernorts sind Synagogen und Friedhöfe oftmals nur noch Zeugnisse der reichen jüdischen Geschichte in Rumänien.
Gabriela Comanescu hütet einen Bücherschatz mit Judaica in verschiedensten Sprachen. Sie ist Bibliothekarin am Institut für Jüdische Studien der Clujer Universität, das in einer alten Synagoge unweit des großen Wochenmarkts seinen Platz gefunden hat. Zur Zeit wird das Gebäude saniert, im Inneren befinden sich die Bibliothek und Seminarräume. Viele Studenten sind es nicht, berichtet sie, etwa 20 pro Jahrgang. Doch seien sie sehr engagiert. Die Studenten von Ladislau Gyémánt, Institutsdirektor und zugleich Mitglied der Jüdischen Gemeinde, nehmen oft an Gottesdiensten, Festen und Treffen mit jüdischen Jugendlichen teil. Umgekehrt werden Gemeindemitglieder gern zu Veranstaltungen des Instituts eingeladen oder als Zeitzeugen befragt.
Bis 1974 nutzten viele jüdische Handwerker die am Rande der Altstadt gelegene Synagoge »Poalei Tzedek«. Nachdem sie aufgegeben wurde, verkam das Gebäude und diente als Lagerhaus. Vor zehn Jahren entstand hier das »Tranzit-Haus«, eine internationale Kultur- und Begegnungsstätte. Getragen wird das Projekt von einer Stiftung. Schon von Weitem sticht der schlichte Backsteinbau durch die mit bunten Farbflächen ausgestaltete Stirnseite ins Auge. Der einstige Synagogenraum mit seinen Holzemporen wird Stück für Stück restauriert. Mit zahlreichen Workshops, Konzerten und Ausstellungen hat sich hier mittlerweile ein wichtiger kultureller Magnet von Cluj etabliert. Doch trotz gelegentlicher Klesmerkonzerte oder Veranstaltungen zu jüdischen Themen, ist das, was hier geschieht, keine Renaissance des jüdischen Ortes.
Rabbi Halberstam eilte sogleich weiter zu den Gräbern seiner Ahnen und berühmter Wunderrabbis. Mit dieser Vergangenheit verbindet die heutige Klausenburger Gemeinde nur wenig. Das Bild der Gegenwart ist indes vielschichtiger, als es auf den ersten Blick erscheint. So steht das »Tranzit-Haus« für eine Art Metamorphose, die sich heute vielerorts in Rumänien beobachten lässt. Sie ist Ausdruck der prekären Lage der jüdischen Gemeinden, zeigt aber zugleich einen Weg, wie eine Stadt mit ihrem jüdischen Erbe umgehen kann. Das ist neu für Rumänien.

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