Dschihad

Erziehung zum Märtyrer

von Götz Nordbruch

Es scheint paradox. Während die politische Führung im Iran unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad von Monat zu Monat kompromissloser und unberechenbarer auftritt, kommen aus der Bevölkerung immer wieder hoffnungsvolle Zeichen. Erst vor wenigen Wochen protestierte eine kleinere Gruppe von Studenten öffentlich gegen die staatliche Politik. Während einer Rede, die Ahmadinedschad auf dem Campus der Amir Kabir Technical University in Teheran hielt, unterbrachen die Studenten seinen Auftritt und beschimpften ihn als »Diktator« und »faschistischen Präsidenten«. Trotz staatlicher Kontrolle und Indoktrination besteht auch unter Ahmadinedschad ein vergleichsweise lebendiger und vielfältiger gesellschaftlicher Alltag fort. Wie in kaum einem anderen Land im Mittleren Osten sind es im Iran gerade Studenten und Schüler, die in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mit Forderun- gen nach innenpolitischen Reformen an die Öffentlichkeit drangen. Unter Jugendlichen hat sich eine politische Debattenkultur bewahrt, in der die staatliche Linie offen kritisiert wird.
Umso erstaunlicher ist dies angesichts der intensiven Bemühungen, mit denen von staatlicher Seite die Ziele der Revolution auch gegenüber Kindern und Jugendlichen propagiert werden. Dies macht eine Studie über die Darstellungen anderer Religionen und Kulturen in den Schulbüchern der iranischen Republik deutlich, die kürzlich vom israelischen Center for Monitoring the Impact of Peace (CMIP) vorgestellt wurde. Während in europäischen Medien wiederholt über antisemitische und antiamerikanische Sendungen im staatlichen iranischen Fernsehen berichtet wurde, zeigt diese Studie, wie solches Denken systematisch auch im Schulsystem verbreitet wird.
Die Ergebnisse sind ernüchternd – dies vor allem auch, weil die meisten der ausgewerteten Bücher noch 2004, also während der Amtszeit des damaligen Präsidenten Mohammed Chatami verlegt wurden. Als Vertreter einer reform-islamistischen Strömung im Iran präsentierte sich Chatami auf internationaler Bühne wiederholt als ein Vorkämpfer für einen Dialog zwischen den Zivilisationen.
Außer in einem ausdrücklich dem Kulturdialog gewidmeten Lehrbuch für die Jahrgänge der Oberschule finden sich in anderen Schulbüchern nur wenige Passagen, die diese Gedanken einer Friedenserziehung aufgreifen. Im Gegenteil. Während die Schulbücher beispielsweise im Bereich der beruflichen Bildung, aber auch hinsichtlich von Geschlechterfragen auf einem relativ neuen Stand sind und auf moderne Didaktik und Inhalte setzen, prägt das manichäische Weltbild des verstorbenen Revolutionsführers Ayatollah Chomeini bis heute die Darstellungen von Geschichte und aktueller Politik.
Ziel der Schulbücher ist es, so heißt es ausdrücklich in einer Einleitung zur religiösen Unterweisung für die fünfte Klasse, »dass wir die Kinder von heute zu würdigen, engagierten, ehrlichen, wohltätigen, hoch ehrgeizigen, lernwilligen und Gott liebenden Männern und Frauen der Zukunft formen, damit sie mit einem Herzen voll Glauben aufwachsen, die Leben schenkende islamische Religion und die Islamische Revolution in der Welt verbreiten, das großartige Land des Islams aufbauen, den Unterdrückten zur Hilfe eilen, die Überheblichen bekämpfen und die beraubten und unterdrückten Völker der Welt unterstützen.«
Die Verteidigung und Verbreitung der Islamischen Revolution beginnt dabei im Inneren der iranischen Gesellschaft selbst. Bei allem Respekt vor westlichen Errungenschaften in Forschung und Technik ist es gerade die Warnung vor einer »Vergiftung« mit den Idealen und Normen des Westens, die den Schülern ans Herz gelegt wird. Materieller Wohlstand und indus-trieller Fortschritt in Europa und den USA seien auf Kosten eines moralischen Verfalls erreicht worden, der die Zukunft der westlichen Gesellschaften immer mehr in Frage stelle. Aber nicht nur das. Die Gefahr sei auch in anderen Ländern sichtbar. »Die Auswirkungen dieses moralischen Verfalls hat selbst in den Ländern der Dritten Welt Spuren hinterlassen«, heißt es in einer Anleitung für Lehrer der zehnten Klassen. »Beispiele dafür sind Drogenhandel (…), der Import von verschiedenen ausufernden sexuellen Rollenvorstellungen, halluzinogenen Tabletten, korrupten Gangs, unmoralischen Filmen und anderen Dingen, die aus dem Westen in die Dritte Welt« gelangen. Westliche Familienvorstellungen, Cola-Cola und McDonald’s, aber auch die Bücher des britischen Schriftstellers Salman Rushdie erscheinen hier als Bedrohung der traditionellen Ordnung.
Nicht weniger zwiespältig ist das Verhältnis zu anderen Religionen. Während Judentum und Christentum ausdrücklich als Vorläufer des Islams gewürdigt werden, findet dieser Respekt seine Grenzen im Selbstverständnis des Islams als letzter Schritt in der Geschichte der Offenbarung. Ausführliche Texte über Minderheitenrechte in der iranischen Verfassung, die in den Schulbüchern wiedergegeben werden, stehen so neben religiös begründeten Warnungen vor Christen und Juden. »Jeder Handel und jede Beziehung, die einem Nicht-Muslim Gewalt über einen Muslim oder über Muslime geben würde, ist nichtig und widerrechtlich,« heißt es in einem Schulbuch. Die zahlreichen Passagen über die Konflikte zwischen Mohammed und den Juden ergänzen dieses Bild.
Auch ohne direkten Bezug auf die Gegenwart verfehlen diese Schilderungen kaum ihre Wirkung. Nicht zufällig bedienen sich die Schulbücher der Geschichten aus der Frühzeit des Islams, in denen die Ausbreitung dieser Religion beschrieben wird. Der Drang, den Gedanken der Islamischen Revolution auch heute noch mittels des Dschihads in die Welt zu tragen, findet hier einen Anknüpfungspunkt. Dabei richtet sich der Appell zur Verteidigung und Verbreitung der Revolution unumwunden an die Schüler selbst. So wird ausdrücklich auf die Rolle der 500.000 Schüler hingewiesen, die während des irakisch-iranischen Krieges an die Front geschickt wurden. 36.000 von ihnen starben als »Märty- rer der Islamischen Revolution«. Zahlreiche Lektionen aus der Geschichte des Islams, aber auch aus der Zeit des Schah-Regimes und des irakisch-iranischen Krieges veranschaulichen die Bedeutung des Opfertodes als individuelle Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft. »Wenn wir auch alle getötet werden, wäre dies immer noch besser, als unser Land dem Feinde zu überlassen«, fasst eine Passage in einem Sprachlehrbuch für die vierte Klasse diesen Gedanken zusammen. Der Feind, das sind in diesen Darstellungen vor allem die USA und der Zionismus. Auch in dieser Hinsicht stehen die Schulbücher ganz in der Tradition Chomeinis und seiner Erben.
Ein kleiner Trost ist, dass der Internet-Boom im Iran trotz massiver Repression weiter anzuhalten scheint. So steht zumindest den älteren Schülern die Möglichkeit offen, sich jenseits von Aufforderungen zum Heldentod ein Bild von sich selbst und von den anderen zu machen.

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