Demografie

Der Knick

Fast zwei Jahrzehnte lang sind Deutschlands jüdische Gemeinden dank einer kontinuierlichen Zuwanderung aus den Ländern der früheren Sowjetunion beeindruckend gewachsen. Beobachter sprachen von Auffrischung, Stabilisierung, demografischer Revolution, ja von einer jüdischen Renais- sance. Doch Zahlen sind oft nur ein Teil der Wahrheit. Mehr noch: Es sieht danach aus, als hätten uns solche Zahlen lange Zeit in falscher Sicherheit gewogen.
Keine Frage, die reine Statistik imponiert noch immer: Der Zentralrat der Juden in Deutschland zählt in 23 Landesverbänden mit 107 lokalen Gemeinden insge- samt etwa 106.000 Mitglieder. Hinzu kommen 21 Gemeinden der Union progressiver Juden mit etwa 5.000 Mitgliedern. Doch seit 2007 sinkt die Zahl der »Registrierten«. Einige Forscher sehen eine direkte Verbindung zwischen dem »Mitglieder-Knick« und der restriktiven staatlichen Neuregelung für die russisch-jüdische Zuwanderung seit 2005. In der Tat kommen seitdem jährlich kaum mehr als 1.000 bis 2.000 Menschen. Die Tür nach Deutschland ist weitgehend verschlossen.
Dass die Zahl der Gemeindemitglieder abnimmt, hat aber noch andere Gründe. Die Statistik der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) für 2008 zeigt zwar, dass in manchen Bundesländern (Baden-Württemberg, Bayern) die Summe der Zugänge die der Abgänge übersteigt. Im Rest der Republik verhält es sich dagegen in der Regel genau umgekehrt. 2008 standen in Deutschland 171 Geburten 1.038 Todesfällen gegenüber. Die Sterberate in unseren Gemeinden ist also sechs bis sieben Mal höher als die Geburtenrate. Dieses Problem kennen übrigens unabhängige orthodoxe Gemeinschaften wie Chabad Lubawitsch und Lauder nicht.
Auch die Altersstruktur der Gemeindemitglieder spricht Bände. Das Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung liegt bei etwa 42 Jahren, das der hier lebenden Juden bei 54 Jahren. Die ZWST-Statistik zeigt zudem, dass die Altersgruppe der bis 21-Jährigen nur etwa 14 Prozent ausmacht, die der 51- bis 80-Jährigen hingegen rund 48 Prozent.
Das sind alarmierende Daten, und sie sind kein ausschließlich deutsches Problem. Sergio Della Pergola, Bevölkerungswissenschaftler an der Hebräischen Universität in Jerusalem, schätzt mit Blick auf die derzeitige Entwicklung des europäischen Judentums, dass über kurz oder lang nur noch Gemeinden mit rund 4.000 Mitgliedern eine realistische Überlebenschance haben. Bezogen auf Deutschland hieße dies: Lediglich Gemeinden wie Berlin, Frankfurt, München, Düsseldorf, Hannover und Köln wären auf der sicheren Seite. Alle anderen – also die überwiegende Mehrheit – bräuchten massive Hilfe von außen, um nicht zu verschwinden. Und was wird angesichts einer solchen Prognose aus modernen Synagogen und Gemeindezentren, die überall im Lande mit viel Aufwand entstanden sind? Ereilt sie ein ähnliches Schicksal wie das mancher Kirchen? Wenn nicht ein Wunder geschieht, müssen sich die Verantwortlichen in den Gemeinden und beim Zentralrat der Juden auf schwierige Zeiten einstellen.
Mit einer nennenswerten Zuwanderung aus den GUS-Staaten ist wohl kaum noch zu rechnen. Gegenwärtig scheint die Politik nicht bereit, die Grenzen wieder zu öffnen – schon allein deshalb, weil keiner verantworten will, den Sozialkassen weitere Belastungen aufzubürden. Doch es gibt auch positive Einwanderungs-Trends. Seit Jahren wächst die Zahl der dauerhaft in Deutschland lebenden israelischen und amerikanischen Juden. Meist sehr erfolgreich im Job, kulturell vielseitig interessiert und mit Gespür für die eigenen Wurzeln können sie vor allem Großstadtgemeinden in vielerlei Hinsicht bereichern. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass diese ihnen eine mentale Heimat bieten. Nicht minder wichtig: Ihr berufliches Fortkommen in der Bundesrepublik muss unterstützt werden.
Doch diese Art Zuwanderung allein wird nicht ausreichen, um die Existenz der Gemeinden zu sichern. Die Anstrengungen im Kinder- und Jugendbereich müssen dringend intensiviert werden. Immer noch gibt es viel zu wenige jüdische Kindergärten und Schulen. Die Jugendzentren müssen sich mit Leben füllen. Zumindest für jüdische Studenten sieht es seit Kurzem etwas besser aus. Das neu gegründete Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk fördert sie während ihrer Ausbildung (vgl. S. 19). Dieses Projekt wird helfen, gerade die jungen, erfolgreichen Erwachsenen wieder mehr mit ihren jüdischen Wurzeln vertraut zu machen. Und genau darauf kommt es an, wenn die Gemeinden dauerhaft erhalten werden sollen.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026