gefährdete Kinder,

»Das kann auch bei uns passieren«

Frau Brum, nach dem Amoklauf in Winnenden werden wieder mehr Sicherheitsvorkehrungen in Schulen gefordert. Die sind in jüdischen Schule vorhanden. Kön- nen Sie sich also in Sicherheit wiegen?
brum: Wir haben einen großen Vorteil durch unsere Sicherheitsvorkehrungen gegen An- griffe von außen. Der Amokläufer war aber kein fremder Täter. Ein solcher Angriff wäre also auch an jüdischen Schulen möglich.

Wie können Sie in ihrer Schule solchen Taten vorbeugen?
brum: In allen Fällen, ob in Erfurt, Emsdetten oder jetzt in Winnenden waren die jugendlichen Täter früh isoliert, lebten in einer Traumwelt, in Gewaltfantasien, beschäftigen sich mit Computerspielen, die nicht ihrem Alter entsprachen. Außerdem kamen diese Kinder an Waffen heran. Es ist doch höchst selten, dass jüdische Väter Jäger sind. Aber auch wir haben Kinder, die introvertiert sind, die Gewaltfantasien entwickeln, oder Computerspiel benutzen, die sie überfordern.

Was tun Sie, um Gewalt an Ihrer Schule zu vermeiden?
brum: Wir versuchen, die Kinder zu begleiten und anders einzubetten. Die jüdischen Schulen sind alle relativ klein. Die Lichtigfeld Schule hat ein großes Kollegium und zusätzliche Förderlehrer sowie Diplompädagogen in der Sekundarstufe. Aber wir haben auch ein ganz anderes Ethos: Wir schauen uns die Kinder schon im Kindergarten an. Wenn wir sehen, dass sie entweder extrem aggressiv oder still, verschreckt, verschüchtert oder isoliert sind, sprechen wir das sofort beim Einschulungsgespräch an.

Reagieren die Eltern auf Ihre Vorbehalte?
brum: Der Kontakt zu den Eltern, deren Kinder schon sehr früh gewaltbereit sind, ist oft besonders problematisch. Wir erleben, dass die Gewalt der Fünf-, Sechsjährigen vom Elternhaus bagatellisiert wird. Sie meinen, das Kind sei noch klein, das wachse sich aus. Aber im Laufe der ersten zwei Jahre wird klar, welches Kind in welcher Weise Probleme hat oder entwickelt. Hier passen wir sehr auf. Wir geben etwa 30 Förderstunden in den ersten zwei Jahren, um diese und andere Kinder mit besonderen Bedürfnissen ganz intensiv zu begleiten.

Hören die Eltern auf Ihren Rat?
brum: Leider zu selten. Sie halten uns oft für übergenaue Besserwisser. Wenn sich Kinder schlagen, sagen sie: Das ist ein Junge, der muss sich auch zur Wehr setzen können. Und wenn ihre Söhne oder Töchter immer nur vor dem Computer sitzen, sind sie stolz, dass ihr Kind ihn so virtuos beherrscht. Ihrer Meinung nach ist die Schule altmodisch und der
Computer das Medium der Zukunft. Einige haben jede Menge Verdrängungsmechanismen. Wenn wir allein nicht mehr weiterkommen, müssen wir staatliche Hilfsinstanzen zu Rate ziehen, Beratungszentren oder auch das Jugendamt. Dann ist ist es auch für die Eltern keine Bagatelle mehr.

Was machen Sie mit aggressiven Kindern?
brum: Wir beobachten sie und legen Protokolle an, um herauszufinden, auf welche Reize sie so aggressiv reagieren. Darüber sprechen wir mit den Eltern und holen uns ex- terne Hilfe. Im besten Fall ist das Kind selbst unglücklich über seine Ausbrüche. Dann versuchen wir, es zu sensibilisieren, so dass es seine Wut beherrschen lernt.
Haben Sie den Eindruck, dass Isolation und Gewaltbereitschaft bei Kindern in der letzten Zeit zugenommen haben?
brum: Ja. Insbesondere in der Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund. Früher hatten wir mit ihnen überhaupt keine Schwierigkeiten. Die Kinder, die selbst Migranten waren, hatten einen absoluten Assimilationswillen. Aber in der zweiten Generation gibt es viele Jungen und Mädchen, die über die Maßen bedürftig sind. Seit fünf Jahren treten an unserer Schule Phänomene auf, die wir früher überhaupt nicht kannten.

Woran liegt das?
brum: Ich glaube, das Hauptproblem ist, dass die Kinder zwischen den Kulturen stehen. Die Eltern möchten ihnen noch gerne die Herkunftskultur vermitteln. Sie selbst haben Erfolg, sind Akademiker, beide sind berufstätig. Das Kind wird Personal überlassen. Andererseits sind die Eltern ehrgeizig, das Kind besucht die russische Schule und muss zwei oder drei Sprachen lernen. Das klappt aber nur, wenn die Eltern viel mit dem Kind kommunizieren. Sonst beherrschen die Kinder in keiner der erlernten Sprache den richtigen Satzbau, noch verfügen sie über einen guten Wortschatz. Sie sind in ihrer Sprache verunsichert und damit auch in ihrer Identität. Differenzierte Zusammenhänge oder Selbstbeobachtungen können sie nicht genügend ausdrücken. Sie bilden häufig keine ganzen Sätze mehr. Auch ihre Kommunikationsbereitschaft nimmt ab. Viele Familien sitzen nicht mehr zusammen am Tisch und unterhalten sich. Die Sprache wird auf ein SMS-Mitteilungsminimum reduziert.

Werden die Defizite in der Familie als Aufgabe der Schule übertragen?
brum: Das erleben wir sehr häufig. An den Schnuppertagen sehen wir Kinder mit massiven Bewegungsstörungen. Die Links-Rechtsseitigkeit ist oft nicht ausgeprägt, was sich direkt aufs Lernen auswirkt. Es gibt kaum noch Familien, die mit ihren Kindern in den Wald gehen, klettern, sich an der Luft be- wegen. Das Gefühl für familiäre Gemeinsamkeit geht zunehmend verloren. Wenn wir in die Kinderzimmer schauen, stehen dort Fernseher und Computer. Aber wenn Eltern und Schulen vertrauensvoll zusammenarbeiten, dann kriegt man das alles über kurz oder lang hin.

Mit der Leiterin der Lichtigfeldschule sprach Heide Sobotka.

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