Exil

Alle Wege führen nach Rom

von Rabbiner
Yaakov Asher Sinclair

Wenn die Römer etwas richtig gemacht haben, dann das: Sie haben großartige Straßen gebaut. Bis heute werden römische Straßen benutzt. Warum hatten die Römer Interesse daran, solch langlebigen und schnurgeraden Straßen zu bauen?
Wir leben in einer Welt, in der wir in zunehmendem Maße »mit den Fingern auf der Landkarte reisen«. Mit einem Handy, das mit einem Webbrowser ausgestattet ist, können Sie auf drei Kontinenten zugleich Ihre Geschäfte betreiben, ohne den Strand zu verlassen. Immer häufiger versteht man unter dem Begriff Kommunikation elektronischen Kontakt und nicht länger die Begegnung in Fleisch und Blut.
Eine der Voraussetzungen für Herrschaft ist Kommunikation. Die Römer bauten schnelle, gerade Straßen, weil sie wissen mußten, was in den hintersten Ecken des Reichs los war, um es kontrollieren zu können. Größe hängt von der Fähigkeit ab, den Raum zu erobern. Wir sagen, die Welt werde immer kleiner, obwohl sie ja unveränderlich rund 40.000 Kilometer im Umfang mißt. Die Größe der Welt ist direkt proportional zu unserer Fähigkeit, den Globus tatsächlich und elektronisch zu umspannen. Auch wenn das Römische Reich nicht viel mehr als Europa, den Nahen Osten und Nordafrika umfaßte, war es vielleicht das größte Weltreich, das je existierte, einfach weil die Welt damals sehr groß war.
Heute geht es über die Straßen der modernen Kommunikation, wie zum Beispiel das Fernsehen. Es schmiedet die Nation zusammen. Fernsehen ist ein mächtiges Instrument und macht einen großen Teil unserer kulturellen Sprache aus, weshalb häufig angeregt wird, das Fernsehen als Medium zur Verbreitung der Werte der Tora zu nutzen. Es herrscht die Vorstellung, daß wir viele unserer Brüder und Schwestern, die sich dem Judentum entfremdet haben, erreichen könnten, wenn wir im Fernsehen Dokumentarfilme über die Tora und die Lebensweise nach den Gesetzen der Tora ausstrahlten.
Unsere Weisen lehren, daß das jüdische Volk vier Zeiten des Exils erleben wird. Auf diese Exilzeiten wird gleich in den ersten Zeilen der Tora (1. Buch Moses 1,2): »Die Erde aber war wüst (Babylon) und leer (Persien), Finsternis (Griechenland) lag über der Urflut (Rom).« Da die Tora ein Entwurf der Welt ist, ist etwas ganz am Anfang dieses Entwurfs Geschriebenes ein Zeichen dafür, daß das Exil ein fundamentaler Vorgang in der Geschichte der Welt sein wird.
Das erste dieser vier Königreiche nahm dem jüdischen Volk das Königtum. Der Reihe nach entriß jedes dieser Reiche seinem Vorgänger den Königsmantel der Herrschaft. Am Ende wird das vierte Reich, das Reich von Esau/Rom und seiner derzeitigen Erben, dem jüdischen Volk das Königtum zurückgeben. Bis zu diesem Zeitpunkt allerdings verfügt das vierte Reich über die Macht des Königtums und all seinen Schmuck: Es schreibt die Lieder der Welt, denn Musik ist ein Attribut des Königtums. König David, Urbild aller Könige, wird der »süße Sänger Israels« genannt. Doch die Leier Davids atmet keine königlichen Lieder mehr.
Als das jüdische Volk in sein letztes Exil ging, in das Exil Roms, wurden die Tempellieder der Leviten zum Verstummen gebracht. Die Römer nahmen diese Musik und zwangen sie, einem neuen Meister zu dienen. Jahrhunderte später trat sie in Form der Gregorianischen Gesänge der Kirche wieder in Erscheinung.
Musik und Religion sind nur zwei Aspekte imperialer kultureller Dominanz –das Fernsehen ist die äußerste Form dieser Knechtschaft. Fernsehen ist die Traumfabrik, die der herrschenden Macht erlaubt, den Vasallenstaaten ihre Weltanschauung aufzuzwingen. Sie zwängt das Denken der Untertanen in eine Art kulturelle eiserne Maske.
Die Römer bauten die besten Straßen der Welt. Würden sie heute noch leben, würden sie die Fernsehserien produzieren. Das Fernsehen ist ein Instrument des Königtums. Zurzeit gehört uns das Königtum nicht. Dies ist nicht nur eine faktische, es ist eine mystische Wirklichkeit und bedeutet: Wenn wir – das jüdische Volk – versuchen, die Zügel des Königtums, sei es die Musik oder das Fernsehen, zu ergreifen, machen wir uns unvermeidlich lächerlich und scheitern.
Das Königreich des Himmels spiegelt sich im Königreich der Erde wider. Das jüdische Volk ist in seinem dunkelsten Exil, und göttliche Gegenwart ist mit uns in diesem Exil. Dieses Exil ist von einer solchen Totalität, daß die meisten von uns gar nicht wissen, daß wir uns im Exil befinden. Wir nehmen das Joch des Empires, seine Ikonen und seine Ideen, beinahe unwidersprochen hin. Wir sind auf seine Visionen fixiert. Wir tragen seine Kleider. Wir denken seine Gedanken.
Dennoch sehnen wir uns nach dem Tag, an dem die Zeit des vierten Reichs abgelaufen sein wird. Denn an »jenem Tag wird HaSchem Eins, und Sein Name Eins sein«. Und Sein Volk wird nach Jahrhunderten des Exils in seiner ganzen Pracht auferstehen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Ohr Somayach International
www.ohr.edu

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026

Sanktionen

Iran will weiter internationale Ziele anfliegen

Ab Mittwoch sollen iranische Airlines nach Worten der US-Regierung internationale Ziele nicht mehr anfliegen können. Die zivile Luftfahrtbehörde in Teheran widerspricht

 23.09.2026

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Berlin

Gideon Joffe: »Mit Elif Eralp wird Geis zur Gärtnerin gemacht«

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mahnt, dass die Hauptstadt vor massiven Herausforderungen stehe

 22.09.2026

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026